Rezensionen

Neal Shusterman über Perfektion, Buchliebe und den ganz besonderen Lesetipp [Lesung & Interview]

2012 war „Vollendet“ von Neal Shusterman mein Herzensbuch. Ein Herzensbuch, über das ich noch heute gerne nachdenke.

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Trilogie

So bin ich heute, an einem Montagnachmittag im Herbst, sehr aufgeregt als ich von Mainz nach Frankfurt zu einer Lesung mit Neal Shusterman im Hugendubel fahre.

Büchertisch „Scythe“ im Hugendubel Frankfurt

Der Tag ist sonnig, die Temperaturen sind mild, der Hugendubel ist gen 17 Uhr gut besucht, nichtsdestotrotz sind einige Stühle noch frei.


In der nächsten Stunde erzählt uns Neal viel zu seinem in Deutschland frisch erschienenem Werk „Scythe – Die Hüter des Todes“. Er erzählt außerdem, dass er beim Schreiben instrumentale Musik höre (Scythe ist während dem Soundtrack „Tron Legacy“ von Daft Punk entstanden).

Er sagt, dass ihn als kleiner Junge „Charlie und die Schokoladenfabrik“ von Roald Dahl und später „Der Herr der Ringe“ so fasziniert und inspiriert haben, dass er dachte, das will ich auch können: Welten und Realitäten kreieren, die nicht existierten, bis der Autor sie gedacht hat, „that was WOW!“. (Welch Zufall, dass ich ausgerechnet heute mein einziges Herr der Ringe T-Shirt trage!)

Neal Shusterman hat in „Scythe“ die „perfekte“ Welt inszeniert. Es gibt keine Krankheiten, keinen Krieg, jeder hat alles, was er braucht, die perfekte Gesellschaft also. Doch auch in dieser Welt müssen die Leute sterben. Und da der natürliche Tod überwunden ist, gibt es die Scythe, die gerecht und fair auswählen, wer sterben muss und diesen Tod selbst vollstrecken.
Neal hat dieses Szenario absichtlich den Dystopien als krassen Gegensatz entgegengestellt: Es existierten so viele Dystopien darüber, was falsch lief, also drehte er das Konzept um und überlegte eine Welt zu kreieren, in der alles richtig lief.

Weshalb die Scythe notwendig seien, fragt jemand.

Scythe seien keine Monster, sie seien fair, weise „the best of humanity“, per Zufall gewählt, um unvoreingenommen Leben zu nehmen. Auch diese perfekte Welt benötige so etwas wie Jedi Ritter. Humorvoll.

* Neal Shusterman in Aktion

Was er mit seinen Büchern erreichen wolle. „To challenge readers thinking thoughts they never have thought before.“ Tiefgründig.

Die Stühle sind nun voller.

Warum die Scythe alle möglichen Waffen beherrschen müssten und auf vielfältige Weise töteten, wenn es doch auch einfache tödliche Pillen gebe?, möchte jemand rechts neben mir wissen.
Seine einfache Antwort: weil ein Buch, in dem alle per Todespille sterben, langweilig sei.

Aufsteller Scythe Hugendubel Frankfurt
Aufsteller im Hugendubel

Die tiefgründige Antwort: weil die Scythe als „master of death“ jede Waffe verstehen müssen, um die Benutzung und Bedeutung des Todes richtig deuten zu können. Ernst.

Ob Neal so wie andere Autoren Teile von sich selbst in seine Bücher einbauen würde?Nachdem er „Scythe“ beendet habe, sei ihm bewusst geworden, dass die Grundlage für dieses Buch durch den Tod seiner eigenen Mutter ausgelöst worden sei. Nach einer Reihe von Schlaganfällen lag sie 6 Monate im Koma, er pflegte sie zu Hause, bis er auf Anraten der Ärzte die Maschinen ausstellte und sie kurz darauf verstarb.
Die Atmosphäre ist gedrückt, die Stimmung im Publikum traurig und auch der scheint Moderator gleich zu weinen.
Neal ergänzt, dass er sich keinen besseren Tod vorstellen könne, als umgeben von den Menschen, die man am meisten liebt.
Und so handelte nach diesem Verlust seine nächste Buchidee davon, wie man Leben mitfühlend nehme.

Neal erzählt und erzählt, alle lauschen gebannt. Den Worten, die aus diesem Mann kommen, kann ich mich kaum entziehen.

Schließlich bedankt er sich und sagt, dass er versucht, sich all diese Fragen, die ihm heute gestellt wurden, vorm Schreiben selbst zu stellen, um die Welt realistisch zu gestalten und um erklären zu können, warum was in seiner Welt so funktioniere wie es funktioniere.
Anschließend signiert Neal seine Bücher und trotz familiären Rahmen, scheint jeder etwas für sich mitgenommen zu haben aus dieser Begegnung. Zumindest bilde ich mir das beim Betrachten der Gesichter der anderen Veranstaltungsgäste ein ;-).

Neal signiert

Der offizielle Veranstaltungspart ist vorüber, während einige Verlagsmitarbeiter, Blogger (inklusive mir) und natürlich dem Autor den zweiten Part einleiten. Das Meet & Greet mit Neal Shusterman.


* Blogger, Verlag und Autor unter sich: die illustre Runde kann starten

Wir führen in kleiner Runde unsere Fragerei fort und erfahren, dass er zum Schreiben am Liebsten unter die Leute geht. In Cafés, Bibliotheken und allen öffentlichen Orten, die sich zum Schreiben eignen, könntet ihr möglicherweise einmal Neal Shusterman beim Schreiben entdecken. Solltet ihr in Kalifornien wohnen, eher wahrscheinlich(er) als hier in Deutschland.

Was sein persönlicher und sein allgemein größter Wunsch für Bücher und das Schreiben ist, frage ich ihn. Darauf folgt so etwas wie eine Hommage an das gedruckte Buch.  ❤

„I hope books continue to be vital part of society“. Er führt aus, dass er zwar die Vorzüge von E-Books anerkenne, aber dass es gewisse Bücher gäbe, die man beim Lesen in der Hand halten wolle. Er sagt „a book is an experience itself“ und dass die USA versuchten, der schönen Qualität deutscher Bücher nachzueifern.

* Impressionen vom spannenden Gespräch

Wir alle kennen das sicher, diese Bücher, die man anfassen, riechen und dann in seine bestehende Sammlung ins Regal stellen möchte. Wir sind alle verzückt bei seiner Antwort.
Für sich persönlich wünsche er sich, dass seine Bücher irgendeinen positiven Effekt auf diese Welt haben. Dass wenn jemand irgendwann vor der Entscheidung stünde, so etwas wie in seinen Büchern beschrieben einzuführen, dieses gelesen habe und sich dann denkt: „we don’t do this it’s a bad idea.“

Wir können übrigens sehr gespannt auf eines seiner nächsten Projekte sein. Zusammen mit seinem Sohn schreibe Neal gerade an einem Roman namens „Dry“, der mithilfe von Google Docs sogar während seiner Zeit in Deutschland weitergeschrieben werde.

Google Docs habe ihn außerdem in Zusammenarbeit mit Eric Elfman die Kinderbücher  „Teslas unvorstellbar geniales und verblüffend katastrophal Vermächtnis“ schreiben lassen.

Wenn Neal sich Lesetipps holt, möchte er nur die Werke lesen, die mit Leidenschaft empfohlen werden. In Buchhandlungen und Bibliotheken frage er die Mitarbeiter meist, welches eine Buch aus diesem Jahr er unbedingt lesen müsse. So habe er schon viele seiner Lieblingsbücher entdeckt.

Als er auf meine Frage, was er als Schriftsteller am liebsten habe antwortet „connecting with readers, travelling, meeting readers“, geht mir schier das Herz auf. Was er am wenigsten daran möge, ist genauso bündig und ehrlich: „Deadlines“.

Zwischendurch werden ein paar Spoiler gefragt, bei denen ich geflissentlich weghöre, schließlich möchte ich „Scythe“ als nächste Lektüre voll und ganz genießen können.

Spoiler Alert: Die Ohren werden zugehalten 😉

Eine Stunde Meet & Greet vergeht wie im Flug, die Ersten müssen bereits gehen.

Wir lassen uns noch ein paar Bücher und Leseproben signieren, schießen Fotos, haben Spaß und gehen schließlich freudig nach Hause.

Neal Shusterman, Scythe, ich
* Neal Shusterman und ich! ❤

2012 habe ich das Buch eines mir bis dahin vollkommen unbekannten Autors geliebt. Fünf Jahre später treffe ich ihn unverhofft und nahezu zufällig in Deutschland und verstehe nun besser, weshalb der Mann so schreiben kann, dass er mich damit mit voller Wucht trifft.

Seid ihr in seine Bücher bereits so verliebt wie ich?

Neal Shustermans Bücher

Wenn nicht, lasst euch infizieren und lest rein in eines seiner inspirierenden Bücher.

Ich bedanke mich bei Neal Shusterman, dem Fischerverlag und Hugendubel für die Organisation dieser wundervollen Veranstaltung.
Ich bin schon mordsmäßig gespannt auf „Scythe“, das glücklicherweise meine nächste Lektüre sein wird.

Bibliografische Daten
Neal Shusterman
Scythe – Die Hüter des Todes
Hardcover
Originalsprache: Englisch
Übersetzer: Pauline Kurbasik, Kristian Lutze
Preis € (D) 19,99 | € (A) 20,60
ISBN: 978-3-7373-5506-3
Zu „Scythe – Hüter des Todes“ bei Fischer!
Über den Autor Neal Shusterman!

Danke an Anette von Katze mit Buch, die alle mit * versehenen Bilder geknipst und mir zur Verfügung gestellt hat!
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11 thoughts on “Neal Shusterman über Perfektion, Buchliebe und den ganz besonderen Lesetipp [Lesung & Interview]”

    1. Hallo Mona,
      ich verstehe dich. Sehr gut sogar. Inzwischen lese ich die Bücher meistens dennoch bevor es den letzten gibt. Manchmal bereue ich das. Manchmal nicht.
      Liebe Grüße zurück
      Charlousie

      Gefällt mir

  1. Hallo Charlie,
    ein toller Post, den ich gern gelesen habe!
    Bisher habe ich `nur´ die Vollendet-Trilogie von ihm gelesen.
    Aber natürlich befindet sich auch schon sein neues Buch auf meinem Wunschzettel.
    Ich hoffe sehr, dass auch dieses bald bei mir einziehen darf.
    Ganz liebe Stöbergrüße, Hibi

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Hibi,

      danke für deinen Besuch. Sobald ich Scythe gelesen habe, kann ich natürlich mehr sagen und habe sozusagen auch „nur“ VOLLENDET gelesen 😉

      Liebste Grüße
      Charlousie

      Gefällt mir

  2. Echt krass, wie er selbst nach dem Schreiben gemerkt hat, wie er eine eigene Erfahrung verarbeitet hat. Ich muss sagen allein schon bis hierhin war mir klar, dass ich das Buch lesen muss. Ich weiß, wie sehr du die Vollendet Reihe magst, die du auf Englisch weiterlesen musstest. Umso mehr freut es mich, dass du Mister Schusterman live gesehen hast!

    Ein wirklich sehr sympathischer Autor, wie mir scheint. Bin schon gespannt, was du von Skythe berichten wirst.

    Liebe Grüße
    Heffa

    Gefällt 1 Person

    1. Huhu Heffa ❤
      Oh, jetzt bin ich gespannt, wie es uns beiden gefallen wird 😮
      Und ja, dass war eine ganz tolle und ganz besondere Erfahrung mit Neal Shusterman.

      Liebste Grüße
      Charlie

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  3. Huhu!

    Ich muss endlich „Vollendet“ weiterlesen, ich habe nur den ersten gelesen, habe die anderen aber auf dem SUB – inklusive dem vierten Band, den habe ich als englisches eBook! Ich war sehr überrascht, dass der nach all den Jahren nun doch noch auf deutsch erscheint.

    Bei der Leseung wäre ich auch gerne dabeigewesen, es klingt so, als wäre es wirklich sehr aufschlussreich und unterhaltsam gewesen. Neal Shusterman sieht ganz anders aus, als ich ihm mir vorgestellt hatte, aber sehr sympathisch!

    Ich kann verstehen, dass viele Leute immer noch Printbüchern den Vorzug geben, aber eBooks sind barrierefreier. Das ist ein Aspekt, der oft nicht bedacht wird! Wenn ich gerade nicht lesen kann (was durch meine MS öfter vorkommt), kann ich mir immer noch ein ebook von der text-to-speech-Funktion vorlesen lassen, und in der Zeit sind meine Printbücher eigentlich nur Deko… 😉

    Ich habe deinen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person

Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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