Rezensionen

Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans von Mackenzie Lee [Rezension] + Blogparade #ichbineinKönigskind

Wenn Freunde unaufhörlich von Büchern eines gewissen Verlages schwärmen, dann setzt man sich unweigerlich zum Ziel, diese unbedingt einmal zu lesen. Die Geschichten sollen besonders sein, gemeinsam mit der Optik ein Meisterwerk formen, so lese ich bei anderen. Und habe mich bisher dennoch an kein Buch herangetraut. Denn wenn ich bin ehrlich: ich bin zu 70% ein Coverkäufer und die wenigsten Cover entsprechen bei diesem Label meinem persönlichen Geschmack. Ja, ihr habt die Überschrift gelesen und ahnt es sicherlich schon: es geht um die Bücher des Königskinderverlages.
Doch dann hat Kathrineverdeen gemeinsam mit dem Verlag die #ichbineinKönigskind Aktion ins Leben gerufen und ich dachte, wenn nicht jetzt, wann dann? Und soll ich euch etwas gestehen? Ich bin ihr unglaublich dankbar für diese Aktion. Nun kann ich nach nur einem Roman des Verlagsprogramms guten Gewissens sagen, dass auch ich ein Königskind bin. Und tatsächlich habt ihr Schwärmer, Fans und Genießer alle so recht: unter dem Schutzumschlag wissen diese Bücher wirklich zu punkten! Aber nicht nur außen sind diese Bücher damit dann doch „hui“ (keine Sorge, ich habe mir weitere angesehen! 😉 ) auch innen beweisen sie, und das ist noch viel wichtiger, dass sie eine Seele haben.

Leider habe ich von der Aktion erst letzte Woche erfahren. Weshalb ich es leider nicht mehr schaffe, ein Krönchen zu basteln. Das Buch, das mich aus dem aktuellen Programm am meisten gereizt hat, habe ich mir bereits gekauft und stelle ich euch gleich auch in meiner Liebeserklärung vor. Vorhang auf für meine erste Besprechung eines königlich guten Buches und nochmal vielen Dank an Kathrin für diese wunderbare Aktion!


»Inhalt«

Cheshire, England im 18. Jahrhundert:
Vicomte Sir Henry Montague von Disley ist schwer enttäuscht. Er hat sich seine Cavaliersreise als exzessiven Spaß vorgestellt. Ein Jahr lang mit seinem besten Freund die Ausschweifungen des Lebens genießen, bevor er unter unbarmherziger Hand gemeinsam mit seinem Vater ihr Landgut verwalten wird. Es sollte ihr letztes Jahr zu zweit werden, bevor Percy in Holland Jura studiert.
Stattdessen wird er gewarnt: er soll zur Vernunft kommen, keinen Alkohol anrühren, die Finger von anderen Männern und Frauen lassen, sich kulturell weiterbilden und am Ende seiner Reise der fügsame Erbe seines Vaters sein, ansonsten droht die Enterbung. Auf die erste Etappe der Reise werden sie von seiner Schwester Felicity begleitet, die auf einer Mädchenschule abgesetzt werden soll. Was das Dreiergespann noch nicht ahnt: jeder von ihnen besitzt wohlgehütete Geheimnisse, die entfesselt unaufhaltsame Wendungen ins Leben rufen.

Und so lande ich im Adamskostüm in den prachtvollen Gärten von Versailles. […] „Mylord“, sagt der Botschafter, und ich drehe mich so gelassen wie möglich nach ihm um. Seine Gattin kreischt auf. „Ja, bitte?“ Sein Antlitz leuchtet hummerrot. „Könnt ihr irgend rechtfertigen, dass Ihr derart leicht bekleidet…“ – S. 95-96

»Das perfekte Buch«?

Bei „Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans“ sitzt jeder Satz.

Seit Monaten stecke ich in einer ausgewachsenen Lesekrise. Ich möchte so gerne lesen, kann mich aber kaum auf die Inhalte konzentrieren. „Cavaliersreise“ habe ich mit seinen knapp 500 Seiten binnen 24 Stunden inhaliert und gleichzeitig genossen wie die beste Tasse Tee. Ich hätte gut und gerne die doppelte Seitenzahl weggeschmökert.
Ich habe noch nie ein Buch gelesen, in dem mir der Protagonist zu Beginn so unsympathisch ist und ich mich gleichzeitig so gut in ihn hineinversetzen kann und mitfühle.

»Unsympathisch sympathisch«

Henry Montague von Disley benimmt sich wie ein pubertierender Schwerenöter, der viel zu viel trinkt und zu wenig sinnvollen Beschäftigungen nachgeht. Während ich die ersten Seiten noch denke, dass er so ein verwöhnter und reicher Schnösel ist, macht Mackenzie Lee zwischen den Zeilen deutlich, dass Henry „besser“ ist als das. Es scheint, als würde ihn die Realität zu sehr schmerzen, so dass er sich Ablenkung sucht und im Verdrängen sein Leben bestreitet.

Henrys oberflächliche Schwächen sind der Grund, warum ihn sein unbarmherziger Vater auf Cavaliersreise schickt. Henry soll dort Disziplin lernen, Bildung und Kultur erfahren und von seiner Homosexualität geheilt werden, um nur drei der Dinge zu nennen.
Natürlich hat Henry nicht vor, sich strikt an die Auflagen seines Vaters zu halten. Zudem ahnt sein Vater nicht, dass Henry total in einen seiner Cavaliersreisegefährten verliebt ist.
Henry ist nicht nur ein Trunkenbold, der jeder Versuchung nachgeht; er ist ein gutmütiger Charakter, der sich seiner äußerlichen Reize sehr bewusst ist und seinen Charme gerne zu seinem Vorteil nutzt.
Er schreckt nicht davor zurück, seine Meinung geradeheraus zu äußern, auch wenn diese nicht Situations- oder Gesellschaftskonform sind. Diese Eigenschaft bringt ihn des Öfteren in missliche Lagen. Auch handelt er recht unüberlegt und impulsiv, was dazu führt, dass die drei statt der gewohnten Cavaliersreise, bald weitaus gefährlichere Abenteuer bestehen müssen.

»In jeder Facette ein bisschen Leben«

Anhand der Kurzcharakterisierung von Henry möchte ich verdeutlichen, dass Mackenzie Lee ihre Charaktere mehrdimensional in eine verzückend spannende Geschichte einbaut und ihnen so viel Leben einhaucht, dass ich die Figuren mehr als gerne real kennenlernen würde.

Percy und Felicity stehen dem in nichts nach. Percy hat mit seiner dunkleren Hautfarbe zu kämpfen, während Felicity den auferlegten Hürden der Frauen des 18. Jahrhunderts trotzen muss. Jede Figur treibt mit jeder Facette seines Handelns und Denkens die Geschichte rund um die abenteuerlichen „Cavaliersreise“ voran und führt dazu, dass ich total niedergeschlagen das Buch beendet habe; denn es war vorbei. In der Tat werde ich zukünftig jeden Stoff, den ich von Mackenzie Lee in die Finger bekomme, lesen.

»Von Herzklopfmomenten und tiefen Emotionen«

Inhaltlich passiert auf den 500 Seiten ungeheuer viel. Eine Schrecksekunde löst die nächste ab, jedoch ohne unglaubwürdig zu wirken. Vielmehr verleiht der unaufgeregte und pointierte Schreibstil Lees jeder Wendung eine nachvollziehbare Färbung.
Überhaupt ist der Schreibstil, wie eingangs angedeutet, ganz großes Kino. Ich weiß nicht, wie Mackenzie Lee diese Gegensätze verbindet, aber scheinbar ist es möglich:
Unaufgeregt führt sie durch die Handlung und löst mit ihren nüchternen Worten dennoch tiefe Emotionen und wilde Herzklopfmomente aus.
Lee balanciert verschiedenste Themen in „Cavaliersreise“ aus, die alle sehr detailliert und sowohl spannend als auch unterhaltsam umgesetzt werden. Um nur ein paar zu nennen: Sklaverei bzw. die Probleme, die dunkelhäutige Menschen hatten, Frauenrechte bzw. Frauen, die ihrer Zeit weit voraus waren, Krankheiten, die im 18. Jahrhundert als „dämonisch“ angesehen wurden und (Homo)Sexualität.
Keines der angeschnittenen Themen kommt zu kurz, denn obwohl es große Themengebiete sind, verliert Lee sich nicht im Detail, sondern erfasst das Wesentliche. Ganz wichtig dabei: „Cavaliersreise“ ist trotz seiner Ernsthaftigkeit ungeheuer witzig. Die Dialoge sind zum Niederknien komisch und die Absurdität mancher Situationen hat mich des öfteren lauthals lachen lassen.

Möglicherweise ist dies eine der Fähigkeiten, die dieses Buch so besonders machen: es ist so viel, während es versucht wenig zu sein.

Abgerundet wird dieses Meisterwerk mit einem Nachwort der Autorin zur historischen Faktenlage, in der sie grob darlegt, auf welcher Quellengrundlage sie ihre Geschichte ersonnen hat, was damals die tatsächlichen Verhältnisse waren und was sie an Themen aufgegriffen hat und vielleicht auch links liegen ließ.

»Fazit«

Ich wünschte, ich dürfte „Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans“ noch einmal ein erstes Mal lesen. Dürfte die Figuren kennenlernen, mit ihnen zusammen Abenteuer bestreiten und beobachten, wie sie sich entwickeln und das Leben entdecken. Ich wünschte, jedes Buch könnte mich so berühren wie Mackenzie Lees „Cavaliersreise“.
Ich bin schockverliebt in die Grandiosität dieses Romans. Zurecht hat es sich einen Platz unter dem Dach der Königskinder verdient!

–> Leseprobe!

Mackenzie Lee
Übersetzt von Gesine Schröder
D: 19,99 €
A: 20,60 €
Größe 12,00 x 19,50 cm
Seiten 496
Alter ab 16 Jahren
ISBN 978-3-551-56038-4
Zum Buch bei Carlsen/Königskinderverlag!

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1 thought on “Cavaliersreise. Die Bekenntnisse eines Gentlemans von Mackenzie Lee [Rezension] + Blogparade #ichbineinKönigskind”

  1. Hallo Charlie,

    eine sehr toll geschriebene und lustmachende Rezi auf dieses Buch. Die vielen Lobeshymnen hat es anscheinend zu Recht verdient und auch ich möchte es mittlerweile lesen 🙂

    Schon bei der Vorstellung letztes Jahr in Frankfurt war ich mir unschlüssig, ob die hier behandeltenen Themen etwas für mich sind, doch gerade der viel beschriebene Humor und der Schreibstil reizen mich. Dazu trägt deine Rezi auch bei.

    Liebe Grüße und schöne Ostern,
    Uwe

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