Moritz & Feline

moritz_Feline„Bitte! Pack dein Zahnpasta-Lächeln ein“, denke ich.

„Bitte?“, ups, dachte ich wohl gesagt zu haben.

„Oh“, entgegne ich schlagfertig.

Merklich verunsichert und erneut mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, lässt Moritz die Angelegenheit auf sich beruhen und wendet seinen dunklen Haarschopf den Aufzeichnungen zu.

Wir sitzen in der Universitätsbibliothek und „lernen“ zusammen. Was eigentlich ziemlich widersinnig anmutet, wenn ich bedenke, dass er sich mit Penicillin, irgendwelchen Säurezyklen und den Zellwänden von Bakterien beschäftigt, während meine ruhmvolle Aufgabe sich darauf beschränkt, mittelhochdeutsche Wörter wie „vorhten“ zu suchen. Und natürlich nicht zu finden.

Wenn jemals jemand von uns beiden die Welt retten sollte, wäre er eindeutig kompetenter dafür.

Ich finde „vorhten“ allmählich wirklich zum Fürchten und konzentriere mich lieber wieder darauf, ihm verstohlene Blicke zuzuwerfen. Zumindest hoffe ich, dass sie möglichst verstohlen sind.

Meine Mitbewohnerin Feline lacht mich regelmäßig aus, wenn ich von der Ebenmäßigkeit seiner Gesichtszüge spreche. Wenn ich sie vorwurfsvoll zu fragen beginne, wie jemand so unglaublich und schmerzlich schön sein könne.

Bisher hielt ich dergleichen Beschreibungen in Romanen für überaus albern und lächerlich, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass mich tatsächlich mal jemand zum Sabbern bringt. Schließlich ist Aussehen nicht alles. Während ich mit den Augen dem Verlauf seiner dunklen Armhärchen folge und an seiner mir zugewandten Schulter stoppe, stelle ich mir vor, dass sein Charakter bestimmt wie ein wunderschöner Baum gewachsen wäre, sofern man das Wesen eines Menschen in Baumvergleichen darstellen möchte.

Und gleich tanzt du seinen Namen und wiegst deine Arme wie die Äste eines Baumes im Wind, flüstert das Teufelchen in mir.

Pffffff, schnaube ich innerlich zurück. Ich war doch nicht auf der Baumschule, unerhört!

Diese Bibliothek ist wahrlich zum Mäuse melken. Ich scheine nichts zu tun zu haben, obwohl ich in Lernstoff ertrinke. Ein Paradoxon. Wie überaus witzig. Ein weiteres rhetorisches Mittel, dass ich für die Klausur nicht mehr lernen muss. Fast hätte ich über meinen in der Hölle versinkenden Nicht-Witz laut aufgelacht.

Ich komme hier nur auf schwachsinnige Ideen und stumpfe Spinnereien. Erneut versuche ich unauffällig auffällig das Objekt meiner Begierde von der Seite anzuschielen.

Wäre ich eine Katze, könnte ich einfach auf seinen Schoß springen und mit „Meow“ sein Herz erobern.

Es ist totenstill in der Bibliothek. Unterbrochen wird die Stille gelegentlich  vom Rascheln irgendwelcher Papiere und geisterhaft klackernden Tasten.

Wenn ich jetzt genüsslich über meine Lippen lecken würde und das wiederum jemand von außen bemerkte, würde die Person bestimmt auf die Idee kommen, er sei mein Mittagessen. Was für ein Bild. Seufzend überspringe ich „vorhten“ und visiere den nächsten Satz an.

„Hatschi“, kommt es aus einer nicht lokalisierbaren Ecke.

„Gesundheit“, murmele ich reflexartig.

Lächelnd guckt er mich an und ich kann nur zurück starren. Verdammt. Schon wieder dieses Zahnpasta-Lächeln.

„Meinst du wirklich, sie hat dich gehört?“, fragt er etwas spöttisch, aber auch ehrlich…

„Halloooohooooo! Hanna? Bist du da?!“

Shit. Meine Mitbewohnerin Feline. Wenn sie mitbekommt, wie ich schon wieder versuche eine Geschichte aus ihren regelmäßigen „er ist so toll“-Berichten zu schreiben, rastet sie aus. Schnell drücke ich auf Speichern und klappe den Deckel vom Laptop herunter.

Irgendwoher muss ich den Stoff ja nehmen, wenn ich selbst nie etwas erlebe.

Eine Möchtegern-Autorin mit Talent zum Schreiben, jedoch ohne Fantasie. Ich habe mir tatsächlich die glorreichste Berufskrankheit der Welt eingefangen.

„Hannaaaaaa? Wo steckst du denn? Wir wollten gleich los!“
„Hier“, schreie ich schnell, damit sie gar nicht erst meinen Laptop sieht!

In letzter Zeit ist Feline wieder misstrauischer geworden.

Verliebtsein muss ordentlich reinhauen, wenn man sich dann so auf Drogen aufführt wie sie es tut. Ein Zustand, der mir vollkommen fremd ist. Leider.

Ich schnappe mir meine Tasche vom Boden und streiche kurz vorm Verlassen des Zimmers noch einmal über den geschlossenen Laptopdeckel. „Später“, grinse ich, „haben wir ein Date. Dann wollen wir mal sehen, wie wir Moritz und Feline – zumindest auf dem Papier – zusammenbringen.“

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Über Charlousie

Ich lebe · liebe · lese · Ich schreibe · Ich rezensiere · Ich blogge https://leselustleseliebe.wordpress.com/ Eine verrückte, bloggende, verträumte, Buchliebhaberin, die mit ihren Katzen zwischen den Worten wohnt. Wenn du mehr erfahren willst, folge mir auf Twitter, like me on facebook, teile Bilder mit mir via Instagram oder besuche mich auf LeseLust & LeseLiebe.

Veröffentlicht am 10/11/2015 in SchreibEcke und mit , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Ich hätte den Beitrag – dank meiner fabelhaften Eingebung mir den Link nicht zu speichern – beinahe nicht mehr gefunden :-).
    Du hast einen sehr schönen, lebendigen Schreibstil. Ebenso hat mir der Szenenwechsel der Geschichte gut gefallen. Allerdings hätte ich hier vielleicht zwei verschiedene Schriftarten eingeführt. Ich war erst nämlich ein bisschen verwirrt, wie Feli plötzlich in die Bibliothek kommt.
    Und nein ich finde die Geschichte definitiv nicht kompliziert.
    viele Grüße
    Emma

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    • Huhu!
      Herzlichen Dank für deinen Kommentar!
      Tatsächlich wollte ich den oberen Teil schon lange in kursiv gesetzt haben. Habe das nur unglücklicherweise vergessen 😉
      Freut mich, dass es ansonsten doch gut verständlich ist und gefällt!! Danke!

      Liebe Grüße,
      Charlousie

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Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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