Rezensionen

Aus dem Kopf einer prokrastinierenden Studentin. – Ein Drama in vier Akten.

Bühnen_Schreibtisch

Die Darsteller (nicht in der Reihenfolge ihres Auftritts):

Gummibären.

Schokoladenstückchen.

Ein dunkel gebeizter Schreibtisch mit einer Tür und vier Schubladen.

Eine Flasche Wasser.

Eine Kanne Tee.

Eine Studentin.

Musik.

Eine Mitbewohnerin.

Die Zeit.

Die Uni.

Ein Anfang.

Ein Drucker.

Twitter.

Urzeitmonster.

Ein Vorhang.

Die Bühne.

Erster Akt.

Es ist morgens. Schon wieder.

Jonas Kvarnströms „Una Mattina“ aus dem Film „Ziemlich beste Freunde“ läuft in Dauerschleife.

Rechts auf dem Schreibtisch dampft der Tee. Links steht eine Wasserflasche. Die Gummibären und Schokoladenstückchen wohnen für Notfälle in der Schublade. (Sie überleben nie lange.)

Die Schnellhefter fächern sich in ihrer gesamten Farbenpracht über die dunkel gebeizte Oberfläche des Schreibtischs auf.

Die Requisiten eines besonderen Stücks, das enorm wichtig ist und dennoch niemals von jemandem gesehen wird, warten. Schon lange.

Die Bühne ist der Schreibtisch. (Oder ist der Schreibtisch die Bühne?) Er ist bereit. Schon lange. Für seine Hauptakteurin, die Studentin. Leider hat der Schreibtisch nicht mit ihrer Elefantenhaut der Prokrastination (ihr neues Lieblingswort!) gerechnet.

Schnell gedenkt sie noch einmal jenes und noch einmal dieses zu tun. Plötzlich bekommt sie Hunger, isst also flink ein Brot, begegnet ihrer Mitbewohnerin, quatscht rasch fünf Minuten mit ihr, vielleicht auch zehn – was sieht sie da? – Na, die Spülmaschine muss noch ausgeräumt werden, wenn sie schon einmal in der Küche ist, warum also nicht? Die Milch ist beinahe leer, also schnell eine besorgen, wollte sie nicht bereits seit Tagen mit ihrer Freundin telefonieren? Ob sie ihrer Mitbewohnerin mal mit dem Pflaster helfen könne? Aber ja, natürlich doch. Also quatscht man erneut fünf Minuten. Vielleicht auch mal zwanzig, lieber nicht so genau nachsehen.

Herrje, die Zeit! Wo hat die Studentin die Zeit schon wieder gelassen? Jetzt muss sie los, zum Tutorium in die Uni.

Die Musik wird aus der Anlage gestöpselt und mit Kopfhörern umfunktionalisiert. Unterwegs wird etwas Flotteres aufgelegt.

Der Schreibtisch wartet unterdes immer noch. Geduldig und lange. Der Tee rechts ist kalt, das Wasser links inzwischen abgestanden.

Zweiter Akt.

Es ist abends. Schon wieder.

Die Studentin kommt nach Hause. Sie schaltet das Licht an und ignoriert dabei den Schreibtisch.

Feiert ein Fest der Lichterketten, schaltet das Deckenlicht wieder aus. Atmosphäre schaffen ist das wohl wichtigste Gebot.

Sieht den Schreibtisch nun doch an. Schon wieder. Er wartet still und bedrohlich in der Ecke ihres Zimmers.

Bemerkt dabei den kalten Tee. Kocht neuen. Mal wieder.

Schnell ablenken und harmonische Musik anschalten.

Una Mattinas“ Klaviertöne fluten durch die Anlage den Raum. Mal wieder.

Die Studentin sieht ihren Organisationsplan in Form von Zettelchen über dem Schreibtisch hängen.

Weiß genau, was alles zu notieren, zu lernen und zu erledigen wäre. Immer noch.

Erst einmal aufs Bett setzen und über alles nachdenken.

Irgendwann zu dem Schluss kommen, dass der Anfang doch nicht so gut versteckt sein kann, dass sie ihn seit Tagen nicht findet.

Im nächsten Schritt also den Laptop anschalten, sich auf der Studentenplattform anmelden und nachsehen, ob man bereits alle wichtigen Dokumente ausgedruckt hat.

Beim Drucken startet sie oft. Denn sie druckt gerne.

Dritter Akt.

Moment, ihr Drucker.

Das arme Sklavengerät wird wohl das einzige sein, das sich mehr auf die vorlesungsfreie Zeit freut, als sie.

Plötzlich muss die Studentin an all die ausgebeuteten Drucker auf der Welt denken. An die kleinen und großen Brüder und Schwestern ihres Druckers, die tagtäglich auf Hochtouren laufen.

Sie steigert sich geradezu ekstatisch in die Vorstellungen rund um ihren kleinen und treuen Drucker hinein. Muss daran denken, wie die Drucker kaum Ruhe bekommen, was sie alles unter ihren tyrannischen und meist übellaunigen Besitzern und Besitzerinnen alles ertragen müssen. Sie denkt, dass ein Drucker bestimmt nicht gerne beschimpft und gehauen wird, wenn mal wieder Papierstau oder die verfluchte Tinte leer ist.
Sie denkt außerdem, dass sie in den Augen ihres Druckers vermutlich eine große Tyrannin ist. Sie grübelt, wie sie all das Unrecht ihrem Drucker gegenüber wieder gutmachen könne.

Sollte sie eine Hilfsorganisation für gebeutelte Drucker ins Leben rufen? Eine Kampagne zum Thema „ich bin auch nur ein Drucker“ starten?

Wilde Ideen.

Derweil wartet ihr Schreibtisch immer noch. Möchte gerne, dass der Vorhang sich hebt, das Lernen in den Vordergrund tritt und die Bühnenshow beginnt.

druckerMit dem Posten eines Bildes im sozialen Netzwerk Twitter muss sich ihr Drucker letztlich begnügen.

Die Studentin wagt sich nicht an ihren warmen Tee, während der Drucker sie gedanklich nicht mehr loslässt. Es ist lachhaft. Hat sie sich tatsächlich solange mit ihrem Drucker beschäftigt?

Gequält geht der Blick zum Schreibtisch. Er ruht friedlich. Scheinbar. In Wirklichkeit brauen sich auf ihm inzwischen ganze Urzeitmonster zusammen und warten nur darauf, die Herrschaft ihres Zimmers zu übernehmen, wenn sie sich nicht bald mal beeilt.

Doch noch hält sie sie in Schach.

Das Schreibprogramm öffnen ist nun wirklich keine Kunst.

Ihren verrückten und absolut überflüssig prokrastinierenden Gedanken nachzugeben ebenfalls nicht. Also schreibt sie.

Vierter Akt.

Ein Drama, das keines ist, wenn sie nicht noch schnell die Jammer (éleos) und das Schaudern (phóbos) nach Aristoteles einbaut. Immerhin etwas, das sie heute in der Uni gelernt hat. Warte, jammert sie nicht sowieso schon unentwegt?

Ah, ein retardierendes Moment würde natürlich auch nicht schaden. Es sei denn, sie ist das wandelnde retardierende Moment oder doch eher das Drama auf zwei Beinen?!

Wie löst die Studentin diese verzwickte Situation unter diesem enormen Zeitdruck nun?

Auf die einzig richtige Art und Weise.

Sie beendet ihr unausgereiftes Drama, plant gedanklich eine ausgereiftere Dramenfortsetzung zu einem späteren Zeitpunkt zu verfassen und beschließt endlich Herrin der Prokrastination zu werden.

Ein historischer Moment. Sie setzt sich auf ihren Schreibtischstuhl. Rollt vorsichtig an den wartenden – immer noch! – Schreibtisch heran. Streichelt vorsichtig die Tischplatte, stellt fest, dass kein einziges Urzeitmonster ihre Fingerspitzen abnagen will und atmet erleichtert auf.

Der Vorhang öffnet sich. Alle Akteure sind bereit. Atmen zugleich angespannt und erleichtert tief ein und aus.

Wenn sich die übellaunigen prokrastinierenden Blitze nun ein wenig zurückhalten könnten, steht der Vorführung nichts mehr im Wege.

Die Studentin sitzt am Schreibtisch, ihrer großen, schnörkellosen Bühne, vielleicht hat sie es damit ja endlich geschafft. ( 😉 )

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1 thought on “Aus dem Kopf einer prokrastinierenden Studentin. – Ein Drama in vier Akten.”

  1. Hey Charly,

    Sehr klasse!!!!
    Zumindest lernst du eine Menge neuer Worte (oder vielleicht sind es auch alte und nur für mich neu), die so herrlich in den Text einbaust. Ich kenne das Gefühl auch sehr gut. Alles ist auf einmal Interessanter als das Lernen.

    Lg Mel

    Gefällt 1 Person

Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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