SchreibEcke

Leben

Anmerkung:

Neulich habe ich beim Durchstöbern alter Dokumente und Bilder auf dem PC eine alte Kurzgeschichte von mir gefunden, die ich für einen Wettbewerb im August 2010 schrieb, da war ich 17 Jahre alt.

Das Thema der Ausschreibung lautete in etwa Hexerei und Schicksal, also bitte nicht wegen des Themas wundern! 😉

Korrigiert habe ich nur die Rechtschreibung ansonsten nichts weiter.

Dann wünsche ich mal viel Spaß beim Lesen, Rückmeldungen sind wie immer herzlich willkommen. 😀

leben_Titel

Es ist falsch so etwas zu tun, dachte Shermine. Falsch, an einem so schönen, lachenden Tag, etwas so abgrundtief Trauriges tun zu wollen. „Aber ich habe keine andere Wahl“, flüsterte sie. Shermine balancierte auf dem Geländer einer Brücke. Unter ihr lag die Straße, über ihr ein strahlender Himmel, der so gar nicht zu ihren trübseligen Gedanken passte. Sie strich sich das rote Haar aus der Stirn und ärgerte sich über diesen schönen Tag, der so viel Freude, Elan und Energie auszudrücken schien, dass er rundum perfekt wirkte. – Nicht perfekt genug für sie, denn ansonsten würde sie jetzt nicht hier oben stehen und über den Tod nachdenken.

Die Bilder ihrer Vergangenheit drängten sich in ihr Sichtfeld. Drohend kauerten sie in einer kleinen Ecke ihres Verstands, den richtigen Augenblick abpassend, um explosionsartig auszubrechen und über sie herzufallen.

Shermine kämpfte dagegen an, aber wie sooft, verlor sie auch diesen Kampf mit sich selbst und allen anderen.Sie katapultierte sich selbst in die Vergangenheit ihrer Erinnerungen. Sie sah das tränenverschmierte Gesicht ihres Bruders, die verquollenen Augen ihrer Mutter, die sich bereits Schutz suchend duckte, den nächsten Schlag ihres alkoholisierten Mannes erwartend, der von seinem Schnaps zu berauscht oder verhext oder beides war, um noch mit zu bekommen, was er seiner Familie antat.

Liam hatte die Musik auf volle Lautstärke aufgedreht, die Fenster zur Hälfte geöffnet und seine braunen Locken offen gelassen, damit der Fahrtwind sie vom Baden am See trocknen würde. Die Musik pulsierte dröhnend im Wagen und er sang beschwingt den Refrain mit: „Knock, knock, knocking on heaven´s door…“

Liam fuhr 80 km/h, obwohl nur 50 erlaubt waren. Aber um diese Uhrzeit waren wenige Autos unterwegs, da war das egal. Außerdem war es ein guter Tag, ein schöner Abend. Er war glücklich.

Das Abitur hatte er in seiner Tasche, lange und verheißungsvolle Ferien lagen vor ihm und Hanna hatte ihn heute am See geküsst. Vor den Augen aller anderen.

Wenn Liam aber genau über den Kuss nachdachte, bedeutete er ihm nicht mehr so viel, wie er es noch vor einigen Wochen getan hätte. Das weiche und nasse Gefühl von Hannas Lippen war zwar etwas schönes gewesen, aber nicht so einmalig, wie er es sich immer vorstellte.

Er musste über sich selber lächeln, wenn er daran zurückdachte, wie er seit der 11. Klasse alles für ihre Aufmerksamkeit getan hätte. Gar nicht auszudenken, was er für einen verlockenden Kuss riskieren hätte. Wie ein verliebtes Welpenjunges hatte er ihr pausenlos nachgestarrt und nur an sie denken können.

Diese Zeiten waren vorbei. Seit einigen Wochen spukte ihm ein anderes Mädchen im Kopf herum.

Gedankenversunken starrte er auf die vorbei flitzenden, weißen Streifen der Straße und trat nun doch ein wenig auf die Bremse. Sicher war sicher, wenn man so wie er, seine Gedanken nicht beisammen halten konnte.

Er registrierte, wie er unter einer Brücke hindurch fuhr. Dadurch kurz abgelenkt, starrte er nach oben und meinte etwas Rotes aufblitzen zusehen; vielleicht den Blick auf einen verschwommenen Schemen zu erhaschen, der auf dem Brückengeländer tanzte, aber das war natürlich Quatsch. Keiner tanzte nur so aus Spaß auf Brückengeländern herum. Seine Gedanken entfernten sich von der Brücke und drifteten wieder auf Hanna zu. Er seufzte und überprüfte die Tacho-Anzeige seines Autos.

Shermine keuchte und schwankte gefährlich, fand gerade noch rechtzeitig ihr Gleichgewicht wieder. Adrenalin durchströmte sie, gepaart mit einer Gleichgültigkeit. Sie hätte in eben diesem Moment hinunterstürzen können, dann wäre ihr Leben endlich vorbei, dieses Leben, das nichts weiter als eine Farce war und dem sie unbedingt entfliehen wollte.

Schuldgefühle keimten in ihr, gruben die Wurzeln schmerzhaft in ihre Organe. Es war ihre Schuld, alles! Sie hatte ihrer Familie nicht geholfen; ihrem wehrlosem, kleinen Bruder und auch ihrer ebenso wehrlosen Mutter nicht, die sich genauso vor ihrem Mann fürchtete, wenn er betrunken war, wie Shermine. Aber sie hatte ihn nicht geheiratet, diesen Mann, ihn nicht ausgewählt. Ihre Mutter hatte die schlechte Wahl getroffen und nun mussten sie alle drei darunter leiden. Shermine kam sich schlecht vor, weil sie ihrer Mutter die Schuld zuschob. Niemand trug Schuld daran, nur der Alkohol selbst. Eine Träne bahnte sich ihren Weg aus ihrem Auge und wütend wischte sie sie weg.

Trotzdem, schalt sie sich. Du hättest helfen müssen, Shermine! Helfen, anstatt wie deine Mutter…

Ein neues Bild flammte auf. Sie wollte das nicht, konnte das nicht; nicht noch einmal, es war zu viel und doch sah sie das Rot vor sich. Sie hielt sich die Ohren zu, aber es nützte nichts, sie konnte die Erinnerungen nicht aussperren.

Schwimmend und flüssig schwappte das Rot über den Badewannenrand, wie Tomatensaft, den ihre Mutter gerne trank. Für einen Moment konnte Shermine glauben, ihre Mutter badete darin, bevor die bestürzende Wahrheit auf sie einprasselte. Es war Blut und ihre Mutter lag mitten darin, wie eine Puppe, die schlafen gelegt wird; wären da nicht die hässlich aufgeschlitzten Pulsadern gewesen. Bis auf die Knochen konnte Shermine beinahe schauen oder bildete sie sich das nur ein? Es ist ein grausamer Anblick, die eigene Mutter halb tot in der Badewanne vorzufinden. Wissend, dass sie den Kampf aufgegeben hat und bereit war, ihre Kinder alleine zurückzulassen. Ihnen den letzten Schutz zu nehmen, den sie noch hatten. Shermine konnte das Blut und ihre Mutter nicht mehr vergessen. Wie Tackernadeln, hatte es sich in ihre Augen getackert und ließ sie nicht mehr los. Sie träumte davon und sah es immer vor sich, sobald sie die Augen schloss.

Seit drei Tagen war das so. Seitdem ihre Mutter das getan hatte. Jetzt lag sie im Krankenhaus und Shermine stand hier oben auf der Brücke, bereit zu springen und aufzugeben. Genauso, wie ihre Mutter es getan hatte.

Es war der einzige Weg für sie, den Bildern, bösen Gedanken und Erinnerungen ein für allemal zu entfliehen.

Shermine wollte die Vergangenheit nie wieder durchleben müssen und der graue Asphalt war ihre einzige Möglichkeit sich selbst zu besiegen.- Nein, der Tod war ihre einzige Möglichkeit.

Liams Haare fühlten sich noch feucht an, als er hindurch strich und an das „Hanna-Thema“ dachte.

Hannas Haare waren einfach eine Nuance zu wasserstoffblond gefärbt, ihre Nägel zu künstlich und ihr Make-Up eine Spur zu ordinär. Hanna sah im Gesamtpaket zwar gut aus, aber darüber hinaus gab es nichts weiter an ihr zu entdecken. Sie war eine schöne Hülle, ohne tiefgründigen Inhalt. Das musste schon immer so gewesen sein, aber er hatte es nicht bemerkt, als ob er unter dem Einfluss eines Liebestrankes gelitten hätte. Die Fesseln des Fluches konnte er glücklicherweise in den letzten paar Wochen abstreifen.

Hexerei, wisperte es in seinem Kopf und er trat so kräftig auf die Bremse, dass sein Kopf beinahe auf das Lenkrad knallte. „Hexerei“, sprach er das Wort erneut aus, um sich Mut zu machen.

Jetzt musste er an ein anderes Mädchen denken, das Mädchen. Sie ging mit ihm auf eine Schule, seine ehemalige Schule, verbesserte er sich. Liam kannte ihren Namen nicht, dennoch schien sie etwas miteinander zu verbinden.

Shermines rotes Halstuch flatterte im Wind. Welch Ironie, spottete sie gedanklich. Selbst das Tuch verhöhnt mich. Sie sah nach unten und anstatt des Graus, sah sie nun einen Jungen vor sich. Ihre Gedanken drifteten ab. Zusammen mit dem Gedanken an diesen Jungen fuhr ein Ziehen durch ihren gesamten Körper. Langsam wurde das Balancieren anstrengend. Ihre Füße ermatteten.

Der Junge hatte braune Haare. Noch wichtiger, seine Haare waren braun und gelockt. Sie fragte sich oft, ob sie so weich waren, wie sie aussahen.

Quietschende Reifen näherten sich. Shermine spannte die Beine bis in die Füße hinein an, spürte einen neuen Energieschub und war zum Sprung bereit. Sie breitete die Arme aus. Das Auto kam näher und anstatt an ihre Familie zu denken oder den Grund, weshalb sie jetzt im Begriff war zu springen, fragte sie sich, wie der Junge mit den braunen Locken wohl heißen mochte und dass sie das nun nie mehr erfahren würde. „Obwohl wir schon einmal miteinander gesprochen haben.“, seufzte sie leise.

Liam verband den Anblick dieses fremden Mädchens mit Feuer. Ihr Gesicht war mit auf und ab tanzenden Sommersprossen besprenkelt und ihre Haare leuchteten in einem Ton, wie es nur feuerroter Klatschmohn konnte. Es war eine schöne Farbe.

Sachte parkte er an der Seite der Straße und öffnete das Fenster nun gänzlich. Er brauchte mehr Luft zum Nachdenken, denn plötzlich schien ein unsichtbares, schweres Gewicht auf seine Lunge zu drücken.

Er starrte in die grünen Blätter. Ihres und sein einziges Gespräch hatte er beinahe vergessen. Überlagert vom Alltag und dem Leistungsdruck durchs Abitur zu kommen.

Liam blinzelte und fand sich in den trüben Gängen seiner Schule wieder.

Hallo“, sie lehnte sich neben ihn an die Wand. Sie war kleiner als er und starrte ihn so durchdringend an, dass er meinte, sie müsse ein Geheimnis in ihm entdeckt haben, dass selbst ihm fremd war.

Hi“, antwortete er und wunderte sich, weshalb sie ihn ansprach. Sie kannten sich vom Sehen, mehr aber auch nicht. Irgendwie kam es ihm nett vor, so neben ihr zu stehen, auch wenn er sie nicht kannte. Als sie noch immer nichts sagte, begann er ihre zahlreichen Sommersprossen zu zählen. Um ihre blauen Augen herum lag ein Glanz, ein Schimmern. Liam fand sie wunderschön.

Darf ich dich mal was fragen?“, murmelte sie schließlich. Er zuckte die Achseln, was nichts anderes bedeutete als, warum nicht?

Glaubst du an Dämonen, Teufel und oder Hexerei? Ich weiß, das klingt verrückt, aber könnte man nicht theoretisch mit dem Teufel oder einem Dämon zusammenleben, wenn er sich durch ein Suchtmittel so benimmt? Ich meine das natürlich rein hypothetisch.“ Sie seufzte.

Für einen kleinen Augenblick starrten sie einander an. Liam schwieg. Er spürte instinktiv, dass da noch etwas war, also blieb er stumm. Sie wandte zuerst den Blick ab, verlegen nun. „Tut mir leid, ich weiß, wir kennen uns nicht und das muss reichlich…“ „Verrückt für mich klingen?“, ergänzte er ihren Satz. Sie sah wieder auf und nickte.

Meinst du mit einem Suchtmittel Drogen, oder was?“, er kam sich doof vor, in dem Moment, in dem er das sagte. Es klang abweisend und falsch. Sie schaute sich um, ob sie auch unbeobachtet waren.

Ich denke dabei an Alkohol“, natürlich, schalt er sich. Hatte sie Probleme in dieser Richtung? Ein Familienmitglied, das trank und sie damit belastete? Er wagte nicht, sie danach zu fragen.

Sie fuhr nun schneller und hektischer fort, stolperte über ihre eigenen Sätze: „Alkohol, der zusammen mit deinem Blut in jeder Ader deines Körpers pulsiert. Der dich für sich einnimmt, dir vorgaukelt er wäre dein bester Freund. Vielleicht ist er das Anfangs auch, aber zu dem Preis, dass du alles andere um dich herum vergisst. Sogar die Menschen, die du liebst, die deine Familie sind, die du gezeugt hast.

Solange er noch in der Flasche einladend auf dich wartet ist er dein Freund. In deinen Adern ist er dann dein Feind, eine wilde, unkontrollierbare Bestie, die um alles in der Welt ausbrechen will.“ Sie verstummte abrupt. Wurde rot, wegen ihres Wortschwalls.

Weißt du, was ich meine?“, fragte sie zaghaft. Er meinte Tränen in ihren herrlichen Augen schimmern zu sehen. Liam tat das leid, aber was sollte er ihr antworten? Was mochte sie für ein Leben haben? Ein Mädchen, das auf dieselbe Schule ging wie er und doch meilenweit entfernt schien. Was war das Richtige? Er konnte sie nicht vor den Kopf stoßen, das wäre nicht fair.

Ich habe eine Ahnung davon, was du meinst.“

Das ist Hexerei, oder?“

Ja, dachte er. Das ist genauso viel Hexerei, wie du mich mit jedem weiteren Atemzug Hanna vergessen lässt. Sie wird blasser und blasser, während du vor mir stehst und ihren Platz einnimmst, ihn bereits ausfüllst; mehr als sie es jemals hätte tun können.

Hilfst du mir?“, er sah das Sehnen in ihren Augen, das Verlangen nach seiner Antwort, während sie sich gleichzeitig davor fürchtete.

Ja, ich helfe Dir. Gedachte Worte, die er nicht wagte laut auszusprechen. Liam vermochte die Situation nicht einzuschätzen. Deswegen war er feige und schwieg. Er ließ sie warten. Sie reckte das Kinn vor, erneut tanzten ihre Sommersprossen auf und ab und sah ihn herausfordernd und zugleich bittend an. Konnte er ihr helfen? Liam klemmte den Schwanz ein. Sie würde ihre Frage nicht wiederholen.

Er malte sich seine Möglichkeiten noch im Kopf aus, als sie schon den ihren senkte, sich umdrehte und langsam, schleppend den Gang hinunter trottete. Kurz zuvor noch erhaschte er einen Blick in ihr Gesicht. Es wirkte eingefroren, wie tot. Alles Leben war daraus gewichen, als sei eben etwas Bedeutendes in ihr zerbrochen.

Liam wurde das Gefühl nicht los, dass er gerade etwas Entscheidendes verbockt hatte.

Jetzt starrte er wieder auf die Blätter, er war in der Gegenwart angekommen. Stille breitete sich wie ein dicker und undurchdringbarer Nebel um ihn herum aus. Die CD war schon lange zu Ende gelaufen.

Hexerei“, hallte ihre Stimme in seinem Kopf, ihre Augen leuchteten wieder blau. Er verspürte ein ungutes Gefühl, etwas war falsch.

Die Brücke!

Das vermeintlich Rote waren Haare gewesen. Er kannte nur ein Mädchen, die das sein konnte. Jetzt passte alles zusammen, die Puzzle-Teile fügten sich nahtlos ineinander. Liam erkannte seine Dummheit.

Wenn das auf der Brücke nur Eine sein konnte, würde das ja bedeuten… Er konnte diesen Satz nicht zu Ende denken. Das Herz rutschte ihm in die Hose. Mit zitternden Fingern, bediente er die Kupplung, wendete und gab Gas.

Das Auto fuhr unter ihr hindurch, ohne dass sie sprang. Schnell war es außer Sichtweite. Sie zögerte.- Warum nur?

Sie kannte die Antwort: Weil sie wieder an die Hexerei dachte. An den Jungen, mit den lockigen Haaren, von dem sie geglaubt hatte, er wäre anders, als die anderen. Letztlich musste sie erkennen, dass er sich nicht von ihnen unterschied. Er hatte sie abgewiesen und damit war sie in tausend kleine Scherben zersprungen, die nie mehr ein Ganzes ergeben konnten. Die Hoffnung war an diesem Tag in ihr gestorben.- Oder war es der Tag gewesen, an dem sie ihre Mutter in der Badewanne liegend gefunden hatte? Shermine wusste es nicht mehr. Die Menschen waren alle gleich. Sie lebten miteinander, ohne zu bemerken, wie jemand innerlich mit jedem Tag aufs Neue starb. Wie konnten sie sich das nur antun, so unsensibel sein?

Der Wind heulte auf, brachte sie ein wenig ins Torkeln.

Gleich, dachte sie.

Gleich werde ich springen und alles hinter mir lassen…

Nur einen Augenblick noch. Einen Augenblick, in dem ich das Leben spüren möchte.

Sie hörte zum zweiten Mal an diesem Tag ein Auto, seitdem sie auf dem Geländer der Brücke balancierte. Dieses Mal aus der anderen Richtung.

Wieder ließ der Wind sie durch eine heftige Bö schwanken und sie sah rot. Ihr Halstuch mal wieder. Ich habe genug davon! Ungeduldig zerrte sie es sich vom Hals und ließ es fallen, wo der Wind es sich mit fliehenden Fingern packte und langsam zu Boden geleitete.

Eine unbändige Energie braute sich in ihr zusammen, wollte heraus, drängte an die Freiheit. Seit Jahren hatte sie sie unterdrückt und jetzt wurde es Zeit, sie zu befreien. Jetzt war der Augenblick gekommen, auf den sie gewartet hatte. Jetzt werde ich meinen Gedanken Taten folgen lassen.

Von weitem erkannte Liam wie etwas zu Boden fiel, einen roten Schweif hinter sich herziehend. „Nein“, flüsterte er, während ihm der Schweiß ausbrach.

Dann erkannte er, dass es ein Tuch war; nur ein rotes Tuch, nichts weiter. Es war kein Albtraum in dem sich ein Mädchen mit Haaren wie feuerroter Klatschmohn das Leben nehmen wollte. Liam atmete erleichtert auf, stieß sogar einen unkontrollierten Lacher aus. Glückseligkeit durchströmte ihn, wie Sonnenstrahlen auf der Haut. Er beschleunigte noch einmal. Sein Glücksgefühl war wie weggewischt, als er die leere Brücke registrierte. „Scheiße“, schrie er. Sein Kopf schien schwerer zu werden und dicker. Wenn die Brücke leer war, musste sie gesprungen sein. Er wollte heulen. Er war zu spät gekommen.

Liam bremste. Er hatte sein Ziel erreicht und es doch verfehlt. Vorhin war er unter ebendieser Brücke hindurch gefahren. Wenn er nur gehalten hätte, dann hätte er sie daran hindern können. Sie würde noch immer leben.

Liam starrte noch einmal auf die Brücke, in der Hoffnung, sie würde doch noch dort oben stehen und er hatte eben nur nicht richtig hingesehen. Sie blieb leer. Kälte durchströmte ihn. Er fühlte sich genauso leer, wie die Brücke war. Mit fahrigen Fingern öffnete er die Autotür. Am liebsten wäre Liam sitzen geblieben, aber er musste aussteigen, aus der Sicherheit schlüpfen, die die Autositze ihm versprachen.

Grillen zirpten, das war ihm lieber, als die Stille. Der Wind rüttelte an den Blättern. Innerlich machte er sich auf das Bild gefasst, das ihn nun erwartete.

Ein Mädchen, zermatscht von einem Aufprall, von einer hohen Brücke und er hatte sie verraten.

Das war keine Hexerei. Hexerei war etwas Negatives für Shermine, dennoch glaubte sie daran. Das war Magie. Shermine war klar, dass der Junge mit den Locken nicht gekommen war, weil sie an ihn gedacht hatte, so naiv war sie nicht.

Es war Schicksal; eine glückliche Fügung. Sie klopfte sich den Dreck vom Hintern als sie aufstand. Sein Auto war in goldenes Licht der Sonne getaucht, seine Locken ein wenig schlaff, scheinbar war er im Wasser gewesen. Shermine wusste, dass mit ihm nicht ihre Probleme verschwinden würden, aber es konnte einfacher werden.

Er starrte sie an, als sei sie ein Gespenst, dabei war er derjenige, der als solches hätte durchgehen können, so blass war er. Sie schmunzelte.

Er verharrte in der offenen Tür seines Autos. Der Alkohol würde nie voll und ganz von dieser Welt verschwinden, so sehr sie sich das auch wünschte. Jetzt würde Shermine allerdings einen Weg finden, damit zu leben, damit umzugehen. Neuer Mut umfing sie, vertrieb die Taubheit aus ihren Gliedern, die Trauer, die Leere und Gleichgültigkeit.

Sie wusste, dass es immer einen Weg gab, man musste nur bereit sein, ihn zu finden und zu gehen. Alles lag an einem selbst, sie hatte ihr Leben in der Hand. Nur das Schicksal, das konnte sie nicht beeinflussen, denn dieses hatte den Jungen zu ihr gebracht, in dem Moment, indem sie es am meisten gebraucht hatte.

Er räusperte sich.

Ja“, sagte er leise und dann noch einmal lauter: „Ja, ich helfe dir!“. Eine verspätete Antwortet auf ihre damalige Frage.

Shermine schlenderte auf ihn zu. Sie behielt recht, mit ihren anfänglichen Gedanken. Heute war kein guter Tag zum Sterben.- Dieser Tag war zu gut dafür. Es lagen genug andere Tage vor ihr, die zum Sterben geeigneter waren, doch nicht in naher Zukunft. Erst einmal wollte sie leben.

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1 thought on “Leben”

Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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