Splittermädchen von Rebekka Knoll [Rezension]

Gerade singst du nur hier, sagt er, sein Zeigefinger zittert, und er legt seine Hand an ihren Bauch, Du musst aber hier singen.

Dort bleibt sie liegen. Versuch es, sagt er, ich muss es in deinem Bauch spüren können. Er drückt leicht gegen ihre Bauchdecke. Hol es von unten, noch ein bisschen tiefer. Seine Hand rutscht mit ihrer Stimmen nach unten. Der Daumen bewegt sich über ihrem Nabel hin und her. – S. 144

»Inhalt«

splittermädchen1Elas bester Freund Stefan vermittelt ihr ein Praktikum am Theater, denn Ela möchte Schauspielerin werden; mit ihrem ansteckendem Lachen, ihrem offenen Gesicht und allem, was sie ausmacht, die Massen begeistern.

Doch im Theater lernt sie die stille Betty mit dem unheimlichen Blick kennen. Es dauert lange, bis sie überhaupt einmal miteinander sprechen.

Als Betty Ela und Stefan einmal außerhalb des Theaters sieht, offenbart sie Ela Stück für Stück eine grausame Wahrheit, die sich wie ein Strick um Elas Hals legt und sich zusammenzuziehen droht, wenn sie nichts unternimmt.

»Zersplitternd durch und durch«

Rebekka Knolls Roman „Splittermädchen“ ist nicht nur ein Roman mit der aufwühlenden Thematik Pädophilie, sondern auch ein Roman, der mich durch seine grandiose Umsetzung als LeserIn emotional aufzuwühlen und zu verwüsten wusste.

Getreu dem Titel „Splittermädchen“ präsentiert uns die Autorin zu Beginn der Geschichte ein heiles Portrait einer jahrelangen Freundschaft. Rebekka Knoll zeigt uns das heile, gesunde und noch im Wachsen begriffene Leben von Ela, die glücklich ist mit sich und ihrem Umfeld und besonders viel aus ihrer Freundschaft mit dem viel älteren Stefan ziehen kann.

Im Verlauf der Handlung bekommt dieses Portrait ganz feine Risse, die anfangs kaum wahrnehmbar scheinen und sich nur als knisternde und geladene Windböen, welche die Vorhut bilden, offenbaren. Geladene – noch sanfte – Windböen, die die idyllische Atmosphäre vom Beginn stören und ein Rauschen im Hintergrund einschalten, dass sich einfach nicht abschalten lässt.

»Langsamer aber notwendiger Aufbau«

Obwohl ich am Anfang Mühe hatte, mich in die Geschichte einzufinden, weil sie mir etwas zu langsam voranschritt, empfinde ich im Rückblick diesen langsamen Aufbau als absolut notwendig, da an diesem erst ersichtlich wird, was wie und warum zersplittert. Warum die Fassade ineinander und aneinander zerbricht, warum alle Beteiligten so handeln, wie sie handeln.

»Fern von Einseitigkeit und Langweile«

Besonders gut herausgestellt hat Rebekka Knoll die verschiedenen Perspektiven.

Diese sind ziemlich neutral und folgen teilweise einem recht abgehaktem Schreibstil.

So berichtet „Splittermädchen“ nicht einseitig oder gar langweilig aus der geschädigten Opferperspektive, sondern bietet ein breit gefächertes Bild, regt so zum Nachdenken an und ermöglichte es mir als LeserIn erkennen zu geben, dass vieles tatsächlich nicht so sein muss, wie es für einen selbst scheint. Das selbst für die grausamste Tat eine Erklärung gefunden werden kann. Opfer und Täter sind in „Splittermädchen“ also nicht immer klar zu erkennen. Auch Mitleid ist ein Gefühl, das sich bei mir tatsächlich recht häufig eingeschlichen hat. Warum? – Um das zu verstehen, müsst ihr Rebekka Knolls zweites Werk schon selbst lesen. 😉

»Gemeinsam mit Ela«

Ebenso geschickt gewählt ist die Erzählperspektive von Ela, die eigentlich nichts mit missbrauchten Kindern, Pädophilie oder Ähnlichem am Hut hat. So gerät sie sozusagen unschuldig und zunächst unbefangen in eine sie überfordernde Situation hinein und ich als Leserin hatte die Chance, auf Elas Leveln mit ihr zusammen hinaufzusteigen. Mit ihr zusammen aufgewühlt zu sein, mit ihr zusammen neue Erkenntnisse zu gewinnen, Abgründe offenzulegen und die Welt zersplittern zu sehen.

»Mehrsträngigkeit«

Spannend ist, dass Rebekka Knoll ganz geschickt zwei verschiedene Arten von Missbrauch parallel nebeneinander herlaufen lässt. Am Ende klären sich beide auf – so glaube ich zumindest – und ich erkenne, dass Ela sich zu viel von ihren Gefühlen leiten ließ. Doch wäre ich in ihrer Situation, ich weiß nicht, ob ich es hätte besser machen können. Als „Unbeteiligte“ fragte ich mich zwar oft, warum sie nie das Gespräch oder die Konfrontation sucht, doch weiß ich ja auch selbst, dass dies zu denken meistens leichter ist als die tatsächliche Umsetzung.

»Halber Herzinfarkt?«

Ich wagte kaum „Splittermädchen“ nach dem letzten Satz zuzuklappen, weil ich fürchtete, dass nun eine Explosion, ein wirkliches Zersplittern folgen müsste. Im Angesicht des recht offenen Endes, das genauso genial wie frustrierend daher kommt und die Fantasie in vielerlei – auch unangenehme – Richtungen lenkt, wäre zumindest ein lauter Knall gar nicht so abwegig gewesen.

Kritik habe ich höchstens an der vorherigen Themenpreisgabe bei „Splittermädchen“. Sicherlich verrate auch ich das Thema, weil LeserInnen einerseits vorher wissen wollen, worauf sie sich ungefähr einlassen und andererseits nimmt es aber einiges an Spannung. Hätte ich nicht gewusst, was Sache gewesen wäre, hätte ich sicherlich einen halben Herzinfarkt erlitten.

»Mein Fazit«

Rebekka Knoll hat in „Splittermädchen“ eine aufrüttelnde Geschichte gezeichnet, deren stetig steigender Spannungskurve ich mich nicht entziehen konnte, weil unaufhörlich immer mehr und immer größer werdende Splitter in meiner Brust saßen und mich dazu antrieben, weiterzulesen und niemals mehr aufzuhören.

Pädophilie ist eine schwierige Thematik, die Rebekka Knoll meiner Meinung nach in all ihren Facetten ungeschönt und hässlich dargestellt hat.

WölkchenMond

BibliografischeDatenRebekka Knoll
SPLITTERMÄDCHEN
Roman
248 Seiten | Klappenbroschur
ISBN 978-3-86265-342-3
Originalausgabe | 14,95 EUR (D)
Zu „Splittermädchen“ bei Schwarzkopf & Schwarzkopf!

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Über Charlousie

Ich lebe · liebe · lese · Ich schreibe · Ich rezensiere · Ich blogge https://leselustleseliebe.wordpress.com/ Eine verrückte, bloggende, verträumte, Buchliebhaberin, die mit ihren Katzen zwischen den Worten wohnt. Wenn du mehr erfahren willst, folge mir auf Twitter, like me on facebook, teile Bilder mit mir via Instagram oder besuche mich auf LeseLust & LeseLiebe.

Veröffentlicht am 31/08/2014 in Buchrezensionen, Rezensionen und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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