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Operation Stork

Der Himmel ist blau, als die Großherren mich mit der Operation Taken erfolgreich einfangen und ich weiß, dass mein Leben damit beendet ist.
Ein strahlend blauer Himmel, der mich verspottet. Ein Blau, das so ungetrübt und wolkenlos blau ist, dass es mir in den Augen brennt. Es sind nicht meine Tränen, die da fließen, als sie meinen Körper sichern. Es ist das Blau, das mir in die Iris schneidet und die Tränen herauskitzelt.
„Lass dich nicht erwischen“, hat Suza, meine große Schwester, die Gutenachtgeschichten immer eingeleitet und von Taken erzählt. Taken, das waren wilde Verfolgungsjagden in dunklen Wäldern, unkontrolliert wummernde Herzen und kalte, wolkenverhangene Nächte.
Doch nun ist der Himmel blau, Vögel singen und das Feld wiegt sich sachte im Wind.
Ich habe sie von weitem gesehen und gezögert, die tödliche Kapsel zu schlucken, weil ich neugierig war, was sie wohl tun würden. Eine Sekunde später waren sie schon bei mir, nahmen mir die Kapsel weg und nun bin ich von ihnen eingeschirmt.
Ein kleiner Kreis aus weißen Ganzkörperanzügen, die mich schnellen Schrittes vom Feld treiben. Man sieht nie Körper oder Gesicht. Sie sind immer verhüllt, weil sie die Atmosphäre draußen nicht mehr ertragen. Sie, die Großherren, die unsere Welt zerstörten.
Mein Verstand sagt, dass ich fliehen sollte, doch mein Körper versagt den Dienst.
Ich falle.

„Die Operation Taken ist nur der erste Schritt, Johanna. Wir wissen nicht genau, was danach kommt. Aber es kann nichts Gutes sein. Nie ist jemand zurückgekehrt. Nicht einmal unsere Mom.“
Suzas Worte in meinem Kopf wecken mich.
Ich liege auf einem weichen Untergrund; wage nicht, auch nur einen Muskel zu rühren. Werde ich gefesselt sein? Mit verbundenen Augen und verschlossenem Mund daliegen?
Werde ich beobachtet?
Will ich das wirklich wissen?
Meine Hände verkrampfen sich kaum merklich bei dem Gedanken an Mom. Nein, nicht einmal Mom kam zurück. Sie, die jedes noch so kleine Versprechen gehalten hat, musste dieses eine brechen.
„Sie ist erstklassiges Genmaterial“, vernehme ich eine männliche, sonore Stimme irgendwo links von mir, wodurch sich mein Kopf automatisch in diese Richtung dreht und ich meine Augen öffne.
Weiß.
Weiß blendet mich und sofort presse ich die Handballen gegen meine zusammengekniffenen Augenlider.
„Ich würde Ihnen raten, sich getreu an meine Anweisungen zu halten, Miss Johanna“, durchdringt die leidenschaftslose Stimme nun den Raum. „Dann passiert das kleine Missgeschick nicht noch einmal. Wir sind im Whitetower. Alles ist weiß. Schmerzend weiß, wie Sie soeben festgestellt haben. Ohne unsere speziell angefertigten Glasses können Sie nichts sehen“, er räuspert sich und ein Lufthauch streift mein Ohr, während er verschärft flüstert: „Sie sind bei uns zwar in den besten Händen, doch Ungehorsam tolerieren wir nicht.“
Seine Stimme entfernt sich und Neutralität füllt erneut die Umgebung. „Miss Johanna, ich bin Sir Coldman, herzlich willkommen im Whitetower. Wir haben Sie durch die seit 199 Jahren bestehende Operation Taken glücklicherweise aus der Wildnis retten können. Nun haben wir weitere Pläne mit Ihnen oder vielmehr“, er lacht kurz und kalt. „Mit Ihrem Körper. Sie sichern damit den Fortbestand unserer Spezies. Ich präsentiere, die Operation Stork!“
Mein Herzschlag setzt für einen Moment aus, Rauschen erfüllt meinen Kopf, meine Sinne… Stork, Stork, Stork… ich habe davon schon einmal gehört, oder?

„Hör mal, Johanna“, wispert Suza und ich werde durch mein Rauschen hindurch in eine ferne Erinnerung katapultiert. Eine Erinnerung, zu deren Zeit ich noch sieben Jahre alt war.
Wir liegen abends in unserem kleinen Versteck unter den Klippen.
Eigentlich sind die Klippen zu weit entfernt vom Meer, doch heute tost ein Sturm und die wellenbrandende Umarmung von Wasser und Wind dringt bis an unsere Ohren. „Hör mal, Johanna. Das, mein Liebes, und nur das ist das wahre Leben. Die Großherren haben die Kontrolle an sich gerissen und erzählen uns etwas von Sicherheit und Regeln, die unsere Art aufrechterhalten sollen, aber das ist Bullshit. Ihr Versprechen von Freiheit ist eine Illusion.“ Ich schmiege meinen Bauch an ihren warmen Rücken, dränge mich näher an sie. „Du bist eines der letzten Kinder Johanna, das ist wahr und du bist unser kleines Wunder, doch die Sicherheit ist eine Lüge. Sonst wäre Mom schon lange zurückgekommen.“ Ihre klare Stimme vibriert durch unsere Körper, weil wir so dicht liegen und ich meine Arme um sie geschlungen halte. „Warum, Suza? Warum bin ich ein Wunder und warum gibt es keine neuen Babys mehr?“
„Ach, meine kleine Jo“, seufzt sie. „Es begann ganz langsam und schleichend. Zu viele Alte, zu wenig Neugeburten. Den Demografischen Wandel nannten sie das in den Anfängen. Unternommen haben sie nichts. Die Prognosen waren eindeutig, aber meinst du, es hat irgendjemand auf die Zeichen gehört und sich wirklich dafür interessiert?“ Ich schüttele heftig meinen Kopf. „Nein, Johanna. Sie haben weiterhin im Luxus gelebt und unsere Umwelt zerstört. Halbherzig so getan, als würden sie wenigstens die zu retten versuchen und dabei aus den Augen verloren, dass sie im Blut der folgenden Generationen lebten. Irgendwann geschah dann die Katastrophe.“
Ich kenne die Geschichte in und auswendig, Suza erzählt sie oft, deswegen ergänze ich stürmisch: „Die Katastrophe, die für unsere jetzige Weltordnung verantwortlich ist. Die Daddys konnten mit den Mommys keine Babys mehr machen!“, sie gluckst halb belustigt und dreht sich zu mir herum. „So ungefähr. Wenn du groß bist, dann erzähle ich dir die Details. Du hast aber schon Recht. Es braucht Mann und Frau, damit so ein kleiner, süßer Fratz wie du entsteht. Plötzlich waren viele Männer zeugungsunfähig und die meisten Frauen unfruchtbar. Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Fruchtbare ein Kind zeugten, wurde sehr gering. Außerdem waren Kinder ja schon lange out.“
Ich male mit dem Finger Sonnen auf ihr Gesicht und sie lächelt traurig. „Johanna, es war wirklich schrecklich. Irgendwann begriffen sie die Ausmaße der Katastrophe, die Zweihundertjährigen und ersten Nutzer der Live Long and Healthy Machine rissen die Herrschaft an sich, nannten sich die Großherren – unsere Beschützer – teilten die wenig verbliebenen, bewohnbaren Flecken der Erde in Refugien ein und wiesen uns diesen zu.“ Abscheu trübt ihren Blick, der unstet in verborgene Fernen gerichtet ist.
„Und da sind unsere Vorfahren geflohen?“, versuche ich sie zu mir zurückzuholen.
„Ja“, stimmt sie mir zu. „Und da sind sie geflohen. Es gab böse Gerüchte darüber, was die Großherren praktizierten, um die Menschheit zu retten. Gerüchte, die so skrupellos und moralisch verwerflich waren, dass kaum jemand sich traute, sie auch nur zu denken. Es gab nur ein vages Wort, das mit so großem Entsetzen behaftet war, dass es noch heute nur in schwärzester Dunkelheit geflüstert wird.“
„Stork“, hauche ich ehrfürchtig. „Stork – wie Storch“, sie küsst sanft meinen Scheitel.
„Viele sind daraufhin geflohen, Johanna. Noch bevor die Stahlmauern der Refugien fertig gebaut waren. Dann kamen Operation wie Taken und wir wurden weniger. So wenige, dass die Rebellen sich auflösten und in alle Winde zerstreuten. Nun leben wir alleine jenseits der Refugien in der zerstörten Natur und kämpfen ums Überleben. Deshalb ist das Wichtigste: Lass dich nicht erwischen!“
Wir kuscheln uns noch enger zusammen und mir fallen die Augen zu, während die Worte Taken und Stork sich tiefer in mein Bewusstsein graben.

„Stork ist eine Aufbauoperation von Taken. Ich werde Ihnen das Verfahren erläutern“, reißt mich die gänsehautfördernde Stimme Sir Coldmans aus meiner Erinnerung.
„Durch die Operation Taken haben wir fortpflanzungsfähiges Spermium gesammelt. Aufgrund seiner Rarität und Kostbarkeit, bewahren wir es gut auf, um es dann ausschließlich in die weibliche Gebärmutter zu pflanzen.“ Ich ahne, nein, ich weiß, worauf seine Erläuterung hinauslaufen wird.
„Sie dürfen sich glücklich schätzen, Ihre Gebärmutter ist gebärfähig. Der Vorgang ist bereits abgeschlossen und Sie tragen somit Vierlinge in sich.“ Gelangweilt setzt er eine Kunstpause an und holt tief Luft, während mir der Schweiß ausbricht.
„Wir beginnen immer mit Vierlingen. Danach steigern wir je um ein Kind, bis Ihr Körper erst einmal zu erschöpft ist. Bei manchen ist dies schon nach drei Geburtszyklen der Fall, andere halten länger durch.“ Mir klingeln die Ohren, mein Atem geht stoßweise, ein brennender Schweißfilm bedeckt meine Haut und dann wohnt da noch ein Schrei in meinen Knochen, durchwandert meinen Körper und bringt mein Innerstes zum Kochen.
Lass dich nicht erwischen, schreit Suza in mir. Es gab böse Gerüchte darüber, was die Großherren praktizierten, um die Menschheit zu retten. Gerüchte, die so skrupellos und moralisch verwerflich waren, dass kaum jemand sich traute, sie auch nur zu denken. Stork. Vierlinge. Taken. Die Gedanken rasen in meinem Kopf.
Stork. Ihr Versprechen von Freiheit ist eine Illusion. Taken. Geburten. Stork. Taken. Stork. Taken.
Das Bilderkarussell wirbelt weiter, bis plötzlich eine messerscharf gestochene Szene vor meinem inneren Auge stoppt.
Suza, wie sie ihre langen Haare flicht, nachdem wir im Fluss gebadet haben. Wie ich mich zur Sicherheit noch im Dickicht versteckte. Wie sie mich heimlich anlächelt und das Licht leuchtende Schimmer auf sie wirft. Wie ihre Augen sich weiten, sie scheinbar ohne nachzudenken die blaue Kapsel in den Mund nimmt, mit den Fingern ein letztes Mal unser Zeichen für Ich liebe dich in eine unbestimmte Richtung formt und bereits tot umgesackt ist, als die weißen, gesichtslosen Ganzkörperanzüge bei ihr eintreffen.
Ich dachte, mein Mut wäre Suzas nicht gewachsen, doch das stimmt nicht. Ich bin in vielerlei Hinsicht mutiger, denn ich bin meiner Neugierde gefolgt. Meiner Neugierde, die mir die Wahrheit offenbart hat. Ich trage Leben in mir, das ich nicht haben will und sitze blind im Whitetower, dem Herzen ihres blutigen Pfades.

Also werde ich sie zerstören.

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4 thoughts on “Operation Stork”

    1. Oh.Mein.Gott, hast du mich mit diesem Kommentar glücklich gemacht!!! 😀 😀 😀 😀

      Nein, leider gibt es das nicht zu kaufen und es geht auch nicht weiter…

      Hatte es mal überlegt, allerdings gibt es schon sooooo viele gute Dystopien, dass ich nicht finde, die Buchwelt bräuchte noch eine weitere – von mir 😉

      Aber richtig geil, dass du den Kommentar hier gelassen hast.
      DANKE ❤

      Alles, alles Liebe,
      Charlousie

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      1. Hahaha ;D ❤

        Es wird niiiicht weiter gehen… 😮 … oh. Das… ist echt schade. Und traurig finde ich das auch. Ich hätte es sehr gerne gelsen :). So hat ja schließlich jeder mal angefangen, oder? Wer weiß… vielleicht ist das der Beginn zu etwas ganz Großem :).

        Vielleicht schreibst du ja eines Tages doch dran weiter… und… dann würde ich es gerne lesen :D!!!

        Wenigsten konnte ich dir damit eine Freude bereiten ^^

        hab eine schöne Nacht,
        Conny 😉

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        1. Naja, was würde es bringen, wenn ich ohne Ideen versuchen würde, da noch mehr draus zu zaubern? Manche Geschichten… die wollen einfach nicht weitererzählt werden 😉

          Vielleicht ja mal irgendwann… 😀
          Auszuschließen ist das nicht.

          Wenn ich aber weitergeschrieben haben sollte und sich das Ergebnis präsentieren lässt, werde ich dir sofort bescheid geben!!

          Liebe Grüße und dir einen schönen Dienstag,
          Charlousie

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Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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