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Friedhofstinte

FriedhofstinteFriedhof

Plötzlich wird sie von einer heftigen und vollkommen irrationalen Wut über all die Toten gepackt, welche die Dreistigkeit besitzen, länger gelebt zu haben als ihre Mutter.

Es ist ihnen nicht vergönnt.

Während sie sich noch der Lächerlichkeit dieses Gedankengangs bewusst wird, kam sie nicht umhin, ihn dennoch auszubauen und all die Jahre zusammenzuzählen, die andere mit ihren geliebten Menschen verbringen konnten und die ihr nun fehlen.

Sie ist nicht verbittert.

Es ziehen sich lediglich dunkle, feine Fäden von ihren Gedanken über ihren Körper, die ihre Existenz in pechschwarze Tinte hüllen.

Manchmal wirkt sie dann wie eine Person, die sie im Grunde genommen nicht ist. Eine Person, die zufällig so aussieht wie sie und sich von ihr durch das rabenschwarze Tintenkleid unterscheidet, das sie, diese andere Person, trägt.

Manchmal.

So wie jetzt. Auf diesem Friedhof, umzingelt von Birken, Tannen, Eichen und Wachholderbüschen. Sie befindet sich sogar – abgesehen von den fröhlich tschilpenden Vögeln und des harmonisch fließenden Brunnens – in bester Gesellschaftslosigkeit.

Normalerweise sind Friedhöfe die besten Plätze, um Einsamkeit und Verzweiflung zu suchen, denn es gibt nicht viel zu sehen. Aus der Ferne sieht sie manchmal Menschen, die wie ferngesteuert in Bogen um die anderen gleiten, die bereits vor einem Grab kauern und dunkle, pulsschlagende Wellen in alle Richtungen aussenden.

Es herrscht keine heitere Stimmung. Es herrscht tatsächlich gar keine Stimmung. Wenn irgendwo die Stimmung festgewachsen steht, dann auf einem Friedhof.

Normalerweise.

Natürlich liegt ihre Mutter auf dem einzigen Friedhof, der genauso gut mit dem Paradies verwechselt werden könnte. Zumindest am Tag. Farbenfrohe Fliederbüsche, bunte Grabbepflanzungen, Windräder.

Farben, Leichtigkeit, Offenheit. Eine Atmosphäre, die so gar nicht zum Friedhof passen will. Nur nachts wird er unheimlich. Aber das trifft auf die meisten Dinge zu und wird somit zu keinem nennenswerten Fakt oder gar zu einer Besonderheit.

Damit ist es ein weiteres Mal erwiesen.

Sie ist ein Opfer. Ein Opfer des Schicksals. Und wenn es nicht das ist, dann ein Opfer der höheren Mächte. Und wenn auch diese sich nicht verantwortlich zeigen, dann ist sie notfalls eben auch ein Opfer ihrer selbst und für all den Mist eigenverantwortlich. Letztlich erscheinen ihr diese Spitzfindigkeiten belanglos. Das Resultat bleibt immer das gleiche.

Tot.

Auf einem Friedhof, den sie öfters aufsucht, als ihr lieb ist. Ein Friedhof, der sie verspottet, weil er ihre düstere Stimmung überhaupt nicht widerspiegelt und alles daran setzt, Heiterkeit freizusetzen.

Immer dann, wenn sich ihre Gedanken mit Tinte überziehen und anschließend in Selbstmitleid trocknen, muss sie an die Grabnachbarn denken, die vielmehr Zeit hatten.

Die Grabnachbarn ihrer Mutter sind am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geboren worden. Ihre Mutter nach der Hälfte dieses Jahrhunderts. Aus und vorbei, was bringt das noch? Während sich die Tinte immer mehr um sie verdichtet und sie diesen abgründigen Gedanken nachhängt, tickt ihre eigene Uhr ebenso unaufhaltsam weiter.

Erscheint es dann so abwegig, dass sie den anderen – fremden und gesichtslosen Toten – ihre Zeit missgönnt und zu gerne auf das Konto ihrer Mutter gerechnet hätte?

Irgendwann erhebt sich das Mädchen schließlich vom Fliesenweg, der sich vor dem Grab ihrer Mutter entlangschlängelt, verneigt sich angedeutet, verlässst schlendernd den Friedhof, wirft ihr entgegenkommenden Besuchern vielleicht ein scheues und mutmachendes Lächeln zu, bis sie endlich am Ausgangstor angelangt ist.

Du fehlst mir, mag sie beim Hinausgehen noch flüstern, ihr melancholisches Kleid abstreifen und dem entgegensehen, was die Zukunft außerhalb dieses tintigen Friedhofs so zu bieten hat.

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3 thoughts on “Friedhofstinte”

  1. Hallo Charlousie,

    hm, hm….. nun wie drückt ich mich da am Besten aus.
    Ich glaube, Du stochert da etwas in Deiner Vergangenheit herum…liege ich da richtig?

    Eine Mutter bleibt immer auch nach Jahren, des möglicherweise entstandenen/aufgekommenen/verdrängten Ärgers/Wut oder auch der Frage nach dem „warum und weswegen das alles“ immer noch einfach „die Mutter“ , die egal durch wen nicht ersetzbar ist.

    Ich glaube, dass ist die Hauptaussage die ich jetzt aus dieser Kurzgeschichte entnehmen möchte . Eine Erkenntnis, die mit den Jahren es kommt, dass kannst Du mir gerne glauben…

    LG..Karin..

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    1. Hallo Karin!
      Danke für deine Rückmeldung. (Du weißt ja, ich schätze sie sehr ;-))
      Ich habe mir schon oft verkniffen, näheres zu verraten und es deswegen manches Mal (leider nicht immer :)) sein gelassen.
      Aber hier bin ich jetzt mal standhaft und verrate wirklich nichts.
      Nur eines: Die Hauptaussage für dich, ist eine andere, als für mich. Aber das ist nicht nur okay, sondern sogar ausgesprochen gut so!! 🙂

      Ein schönes Wochenende,
      Charlousie

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  2. Hallo Charlousie,

    O.K. ich will jetzt nicht weiter in Dich eindringen…mir war da „nur“ etwas in Erinnerung geblieben im Zusammenhang mit Deiner Mama.

    Liegt ja auch schon länger zurück und da war ich auch noch nicht so aktiv auf Deinem Blog , wie heute….

    LG..

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Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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