Buchrezensionen, Flops, Rezensionen

Tibor und ich von Stefan Müller [Rezension]

zitatgrünIch erkannte, dass Tibor auch nur ein Junge war, ein ganz normaler Junge, der erwachsen werden musste. S. 54

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© Schwarzkopf & Schwarzkopf
© Schwarzkopf & Schwarzkopf

»Der Inhalt«

Jan ist fünfzehn, als er den gleichaltrigen Tibor kennenlernt. Den unnahbaren Nachbarsjungen, der mit seinen Eltern in die freistehende Wohnung ihres Hauses einzieht. Tibor lehrt Jan, einen Zugang zur Literatur zu finden. Sie fühlen sich nahe und durchleben einen durch und durch perfekten Sommer. Mit dem Winter bricht allmählich auch eine Wende in ihrem Leben an. Beide verlieben sich in dasselbe Mädchen und sie merken schnell, dass einer sie auch tatsächlich bekommt. Doch zu welchem Preis für ihre Freundschaft?

»Ein “totgeschriebenes” Buch?«

Ich habe noch nie ein Buch gelesen, dessen Idee so schön, die Umsetzung aber so formvollendet verhunzt war. Ein Roman über eine tiefgehende Freundschaft und die Liebe zum geschrieben Wort. Das müsste für jeden Bücherwurm ziemlich perfekt sein. Dieses müssen ist blöderweise keine Garantie. “Tibor und ich” wird aus der Ich-Perspektive Jans erzählt; ein Teenager und Außenseiter, ebenso wie der neue Nachbarsjunge Tibor.

Wie kann man nur so viele Worte verwenden und sich dabei dermaßen “totschreiben”?

Ihr wisst es nicht? – nun, ich auch nicht. Aber beispielsweise solche sinnlosen Fragen hat der Protagonist ständig gestellt. Nur begannen sie meistens so: “Kennt ihr das:”, S. 116. , es folgt eine lange Beschreibung. Nein, ich kenne das nicht!

»Erschlagen von meist unverständlichen Metaphern und sinnlosen rhetorischen Fragen«

Rhetorische Fragen sind tödlich, weil sie andeuten, man wüsste etwas, ohne das man sagt, WAS man eigentlich weiß, predigt meine Englischlehrerin schon lange. Ich habe ihr nie geglaubt, doch “Tibor und ich” zeigte mir, dass es stimmt. Ständig werde ich als Leserin gefragt, ob ich dieses oder jenes Gefühl kenne und dieses und jenes schon gespürt hätte?

Nein, habe ich jedes Mal gedacht. Ich war noch nie männlich und ich finde die Vergleiche nicht ansprechend. Ich fühlte mich von – meistens – unverständlichen Metaphern und Allegorien erschlagen.

Der nächste Stolperstein ist die Erzählweise. Das Verhältnis aus Beschreibung und Erzählung versus direkte Rede sieht ca. 90 zu 10 Prozent aus. Zu dieser Verteilung muss ich wohl nichts mehr hinzufügen.

»GrundsteinE, Pathetik über die Schmerzgrenze hinaus und der Rat: Lauft!«

Endloses Sinnieren über Freundschaft, dem Erwachsenwerden, welches Ereignis der Grundstein für den nächsten “Grundstein” gewesen ist, welche (oh tiefen Facetten) jener Moment der Freundschaft besessen hätte, wie alles zum anderen führte und sich dann in Scherben zersplitterte, ist zu viel. Ich selbst neige zur Pathetik, doch Stefan Müller hat sogar meine Schmerzgrenze ausgereizt und gesprengt.

Tibor und ich” wirkt auf mich wie eine autobiografische Reflexion eines Erwachsenen mit seiner eigenen Jugendzeit, in der man selbstredend über Gott und die Welt nachdenkt. In diesem Stil würde ich höchstens in mein Tagebuch schreiben, da es ein Lesepublikum wohl kaum ansprechen wird. Eine beispielhafte Überleitung, die ich mir „antun“ musste:

zitatgrün

.So, Leute, und jetzt fällt mir auch wieder ein, was ich eigentlich gerade erzählen wollte:

-S.122

Eventuell mögen andere LeserInnen Zwischentöne oder feine Schwingungen beim Lesen wahrnehmen oder irgendwo eine Kostbarkeit registrieren, die mir komplett verschlossen blieben.

Tibor und ich” ist vielmehr ein Buch, das mir von nun an zuruft, so schnell wegzulaufen, wie es mir möglich ist, denn ich habe keinen Bedarf, es noch einmal zu lesen, weiter zu empfehlen oder noch irgendeinen Gedanken daran zu “verschwenden”.

»Mein Fazit«

Tibor und ich” ist eines der wenigen Bücher, das für mich ein Buch mit sieben Siegeln bleibt. Ich honoriere die Arbeit des Autors, doch wie er seine Gedanken umsetzte, empfinde ich als schlecht und sehr unzureichend. Die Spannung gleicht einer Wüste, Höhepunkte mögen einer Fata Morgana ähneln und die Figur Tibor stellt gelegentlich die letzten Wassertropfen in der Dürre dar, die allzu schnell verdunsten. (Ob es am Namen selbst liegt?)

Für mich keine Empfehlung. Ich hoffe, dass diejenigen, die es trotzdem wagen, für ihren Mut belohnt werden und glücklicher mit Stefan Müllers Roman werden.

Wölkchen1

 BibliografischeDaten

Stefan Müller
TIBOR UND ICH
Jugendroman
ca. 200 Seiten | Klappenbroschur
ISBN 978-3-86265-249-5
Originalausgabe | 12,95 EUR (D)
Erscheint am 1.3.2013
Zu “Tibor und ich” bei Schwarzkopf & Schwarzkopf

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5 thoughts on “Tibor und ich von Stefan Müller [Rezension]”

  1. Ach du Grüne Neune! Das ich bei dir mal eine blitzartige 1 Wolkenrezi zu lesen bekomme. Oder gab es das schon mal? Also eigentlich wollte ich „Tibor und Ich“ schon ganz gerne noch lesen, obwohl ich schon mal eine Rezension gelesen habe, die ebenalls nicht 100% begeistert klang. Ich war in Leipzig bei der Lesung von Stephan Müller und fand die vorgelesenen Passagen eigentlich ganz ansprechend. Allerdings war das auch nur ein kleiner Teil, weil sich die Lesung mit einer anderen überkreuzte. Ich gehe dann noch einmal in mich und werde wohl vorab mal die Leseprobe vortesten – so vorsichtshalber. Ansonsten eine irgendwie erfrischend gedankenfreischreibende Rezi, die mich sogar – vor allem im Fazit – sehr zum Schmunzeln gebracht hat. Und schön, dass du mutig bis zum Ende durchgehalten hast. Sollte ich es mal versuchen, hoffe ich ganz stark, ich werde nicht vom Tibor-Gedanken/Wolkenblitz erschlagen. 🙂

    Liebe Grüße
    Reni

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    1. Liebe Reni,
      eine 1-Stern Rezension ja („Dark Love“ und ein Buch von Katrin Lankers), aber eine Blitzwolke noch nicht, nein ;-). Ich habe auch nicht damit gerechnet und vor allen Dingen nicht bei DIESEM Buch!!
      Es sieht schön aus und es klingt auch toll und ich kann mir vorstellen, dass es dich bei einer kleinen Lesung angesprochen hat, denn wenn man manche Passagen als Einzelnes betrachtet, mögen sie ganz schön sein, aber in der Gesamtmenge sind sie einfach nur noch überflüssig und nervend!
      Und du hast mich jetzt mit deinem Tibor-Gedanken/Wolkenblitz zum Schmunzeln gebracht. Eigentlich wollte ich mir diesen „bösen“ sarkastischen Ton in der Rezension verkneifen, aber es ging leider nicht :/, aber wenn er dich zum Lächeln brachte, ist es ja fast schon wieder in Ordnung. 🙂

      Dann wünsche ich dir ganz viel Mut für dieses Buch, auf dass es dir besser munden möge,
      einen schönen Sonntag,
      Charlousie

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  2. Ich hab oft das Gefühl, dass viele Lektoren sich mittlerweile aufs Vermarkten, bzw. Goldesel züchten, spezialisiert haben und weniger aufs Redigieren.
    Dein Erlebnis mit dem Roman erinnert mich an meine Lektüre von „Vier Beutel Asche“ von Boris Koch, das ebenfalls viel zu viele überflüssige Passagen enthält in denen der Ich-Erzähler über irgendeinen Quark schwafelt und dabei war die Idee hinter dem Buch so vielversprechend. Ich hab es dann irgendwann nicht mehr ausgehalten und das Buch abgebrochen.
    „Tibor und ich“ kommt bei mir jetzt auf die „nicht-lesen-Liste“. Denn noch so eine Enttäuschung brauche ich nicht.

    LG, Katarina 🙂

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    1. Liebe Bücherphilosophin (ich sollte endlich mal den ein oder anderen England-Artikel von dir kommentieren, die finde ich nämlich so erfrischend und lese sie immer ;-))
      zurück zum Thema: Ja, das ist eine betrübliche Beobachtung, wobei „Tibor und ich“ ja nicht einmal schlecht lektoriert war. Es war nur so ungemein substanzlos und was der Autor sich – in diesem Fall trifft es auch zu – für einen Quark zusammengeschwafelt hat, hat mich null angesprochen.
      „Vier Beutel Asche“ setze ich dann auch mal auf meine (imaginäre) „nicht-lesen-Liste“ 😀
      Ich habe nach dieser Enttäuschung auch genug von Enttäuschungen und hoffe, dass die nächste noch lange auf sich warten lassen wird!

      Alles Liebe wünsche ich dir,
      Charlousie

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Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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