SchreibEcke

Das Bananenkistenmädchen

Das Bananenkistenmädchen

Lotta ist von ihrer Genialität überzeugt. Sie schwingt Tinte und Feder wie die Ritter Lanze und Schwert. Lotta ist Schriftstellerin und als solche muss sie eine Meisterin auf ihrem Gebiet sein. Das versteht sich natürlich von selbst.

Ihr Kopf steckt voller Ideen. Am liebsten, würde sie alle aufschreiben, in Worte umwandeln, die jeder lesen und verstehen kann.

Doch nicht jede Idee ist so gut wie die andere. Also muss Lotta vorsichtig abwägen. Ähnlichkeiten oder gar Wiederholungen wollen schließlich vermieden werden.

Lotta muss an ihre letzte Geschichte denken. Zugegeben, es gibt schon unzählige Geschichten über entführte Prinzessinnen, edelmütige Ritter und garstige Drachen, doch Lotta ist überzeugt, dass niemand die Verletzlichkeit der holden Maid so treffend, die Muskeln des Ritters so glanzvoll und die Schuppen des Drachens so formvollendet beschrieben hat, wie sie.

Lotta ist in der Tat eine große, große Autorin auf ihrem Gebiet. Sie war zwar noch nicht auf Lesereise, doch seitdem sie ihre ersten Geschichten an den Verlag geschickt hat, weiß Lotta, dass auch das nicht lange auf sich warten lassen wird.

Heute kribbelt es Lotta wieder in den Fingern. Ihr spuken einige Ideen im Kopf herum. Doch wie jeder weiß, ist nicht jede Idee so gut wie die andere.

Sie verwirft die Idee vom fliegenden Luftballon, die Marienkäfer erscheinen ihr heute langweilig und über Blumen hat sie erst neulich geschrieben.

Da bleibt ihr nur noch eine Idee für heute übrig. Die Geschichte vom Bananenkistenmädchen.

Sie stehen im Fahrstuhl nebeneinander. So dicht, dass ihre Körper sich in der Andeutung eines Hauchs beinahe berühren. Er beobachtet sie. Dieses junge Mädchen, das beinahe täglich mit Bananenkisten im Hochhaus verschwindet. Manchmal steht er neben ihr im Fahrstuhl, so wie jetzt, versucht sie verstohlen zu mustern und herauszufinden, was sie mit den Kartons vorhat.

Anfangs dachte er nur flüchtig an sie. Wie ein Geist tauchte sie mal nebelhaft in seinen Gedanken auf, verschwand aber genauso schnell wieder, sobald er die Tür seiner Wohnung hinter sich schloss. Jedes Mal, wenn er sie wieder erblickt hat, grub sich die Erinnerung an sie tiefer in seinen Geist.

Die anfangs flüchtigen Fragen zum Bananenkistenmädchen steigerten sich allmählich und wuchsen zu einer Flutwelle in ihm heran.

Irgendwann raubten ihm die Fragen den Schlaf. Was bezweckte sie mit den Kartons? Wo brachte sie sie unter? Schmuggelte sie Ware damit? Vertuschte üble Verbrechen mit den Kisten?

Er beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen und legte sich auf die Lauer, beobachtete ihre Wohnung die ganze Nacht, um zu sehen, ob sie die Kartons, prall gefüllt mit illegalen Gütern hinausbeförderte. Um zu bezeugen, dass vermummte Gestalten sich an den Kartons gütlich taten.

Nie sah er sie dergleichen tun, obwohl er auf diese Art und Weise einige schlaflose Nächte durchlebte.

Er schielt seitlich auf sie herab und versucht, etwas aus ihrem jungen, ausdruckslosen Gesicht herauszulesen. Anhand des Schwungs ihres langen Halses, dem weichen, hellen Flaum, der ihre Arme bedeckt, dem unordentlichen Haar, das auf ihrem Kopf sprießt.

Irgendwo in diesem Körper, der so dicht steht, dass er sich wie statisch aufgeladen fühlt, müssen doch Antworten stecken. Zwischen den Knochen, Synapsen und der Haut, die immer noch beinahe die seine streift.

Eigentlich hat er sich vorgenommen, sie heute nach den Bananenkartons zu fragen, um endlich die Antworten auf die schlafraubenden Fragen zu erhalten.

Obwohl sie so dicht stehen, trennt sie eine Welt, die gefüllt ist mit seiner schamvollen Furcht, sie könne durch seine Fragen bemerken, dass er ihr hinterher spioniert hat.

Lotta lässt ihren Stift fallen. Die Idee vom Bananenkistenmädchen taugt nichts. Ohne eine gute Begründung, was das Bananenkistenmädchen mit den ganzen Bananenkartons treibt, wirkt das Konzept nicht mehr. Ohne ein gutes Ende, ist jeder noch so vielversprechende Anfang versaut. Lotta weiß das aus Erfahrung.

Das Leben als Schriftstellerin kann nicht nur Brillanz hervorbringen. Es gibt Tage, an denen sie keine hundert Prozent geben kann.

Sie ist zwar schon elf und beinahe eine Berühmtheit, doch alle Autoren brauchen mal eine Pause.

Lotta verabschiedet sich von ihrer bisher größten Idee, durch ihre eigene Autobiografie berühmt zu werden und tappt stattdessen barfuß ins Freie. Sie treibt nun das, was alle elf-jährigen Kinder an sonnigen Tagen im Garten so treiben.

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10 thoughts on “Das Bananenkistenmädchen”

  1. Das ist ja toll zu lesen – und ich bin immer noch am Grübeln, wo ich meine Kurzgeschichte (neun DIN A 4-Seiten) mal veröffentliche, denn bei einem Schreibwettbewerb ist sie nicht angekommen, aber auf der Festplatte möchte DAS GLÜCK auch nicht nur einfach schlummeln
    🙂 Liebe Grüße Hanne

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    1. Ach, Dankeschön!! 🙂
      Ich habe auch eine Weile gegrübelt und wie ich sehe, hast du ja auch einen Blog. Warum veröffentlichst du es also nicht dort? Oder bei Amazon als Kurzgeschichte? Denn 9 DIN A4 Seiten ist dann ja doch schon länger. (Früher habe ich auch NIE etwas schreiben können, das ansatzweise kürzer ist^^)
      Aber überleg dir mal, ob es nicht auch was für deinen Blog wäre.

      Liebe Grüße zurück und ein schönes Wochenende,
      Charlousie

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      1. 🙂 sehr gern. Deinen Blog lese ich schon lange – entweder deine Posts auf FB oder in meiner Blogroll-Liste. Jepp, 9 Seiten sind schon viel. Mal überlegen, ich habe noch so einen alten stillen Blog bei WordPress :-(… das wäre evtl. noch etwas. Aber Amazon – hmmm, mal gucken.
        Ich wünsch dir auch ein schönes Wochenende
        Liebe Grüße Hanne

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        1. 🙂 das freut mich enorm, lieben Dank. 🙂
          Amazon kam mir nur spontan in den Sinn, weil ich sonst auch nicht wüsste, wo ich das (bzw. so viele Seiten) veröffentlichen würde…
          Oder auf den nächsten Schreibwettbewerb warten, der eine ähnliche Thematik ausschreibt, die du jetzt in deiner Kurzgeschichte behandelt hast?
          Mehr Möglichkeiten fallen mir da spontan jetzt nicht ein.

          Dann setz ich mal einen schönen Abend oben drauf,
          Charlousie

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  2. Hallo Charlousie,

    Ich hoffe, dass mit dem Einschreiben/Annehmen im Studiengang Literatur wirklich etwas wird, nach diesen Kostproben die Du uns gibst!!

    Schöne Geschichte, die aber auch zum Nachdenken anregt.

    Also ich drücke weiterhin die Daumen.

    LG..Karin….

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    1. Hey, Karin!
      Jetzt werde ich ja ganz rot :). Aber manche der hier veröffentlichen Geschichtchen habe ich tatsächlich auch eingereicht. Manchmal aber auch noch anderes als das, was bisher hier so veröffentlicht ist. „Das Bananenkistenmädchen“ ist bspw. auch drin, allerdings in kürzerer und etwas abgewandelterer Form, weil es ansonsten zu lang war. Die Begrenzung von 20 DIN A4 Seiten mit 1,5 Zeilenabstand war recht hart einzuhalten ;-).

      Darf ich fragen, was genau dich an „Das Bananenkistenmädchen“ zum Nachdenken bringt? Das mag jetzt komisch klingen, aber ich mag die Geschichte auch sehr gerne, weil sie mal etwas „leichter“ ist, im Gegensatz zu den meisten, die ich sonst so schreibe. Und ich finde die wenigsten meiner „Ergüsse“ am Ende noch „gut“, weswegen ich das bei dieser hier überhaupt so anspreche. 🙂

      Abendliche Grüße,
      Charlousie

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  3. Hallo Charlousie,

    sie ist eine richtige Träumerin und voller guter Einfälle und Idee in jeder Richtung. Aber letztendlich noch ein Kind/Jugendlicher , dass trotz diesem Schreibtalent oder auch nicht. Das wird die Zeit zeigen.Immer noch bodenständig ist und weiß einen sonnigen Tag im Garten zu schätzten.

    Mir haben besonders die Gegensätze gefallen, diese schon drollig, aber durchaus ernst zu nehmende Idee mit der Biografie schreiben zu wollen und guten/sinnvollen Vorstellung wie eine gute Geschichte entstehen kann.

    Und die andere Seite diese Unbekümmertheit und dieses nicht an einer Sache fest zu beißen wollen, wie wir als Erwachsende es doch gerne machen.

    Dann lieber einfach weg mit dem Schreibkram und einfach raus in den Garten!

    Ich finde, Du solltest weiterschreiben und weniger nachdenken, wäre es mein persönlicher Tipp an Dich. Und Dir somit Dein persönliches „Bananenmädchen“ erhalten und festhalten….

    LG..Karin…

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    1. Hallo liebe Karin,
      ich weiß ja gar nicht, ob ich mich darin outen sollte, aber ich drücke es mal so aus:
      Ich denke mir ja tatsächlich eine ganze, ganze Menge und oft auch, WAS genau ich ausdrücken möchte oder welche Wirkung/Stimmung das ungefähr haben soll etc., aber diese Gegensätzlichkeiten, die du mir da „unterstellt“ hast (mir fiel kein positiveres Verb ein ;-)), sind mir neu, gefallen mir aber ausgesprochen gut und erfreuen mich extrem, weil ich mir jetzt denken kann: Worte/Geschichten sind etwas Tolles, WEIL darin Dinge gesehen werden können oder auch Wahrnehmungen stattfinden, die nur jede/r individuell mit dem eigenen Erfahrungs/Erlebnishorizont haben kann. Ehrlich, das begeistert mich genauso sehr wie deine Worte, dass ich mir mein persönliches Bananenmädchen bewahren soll.
      Ich denke, das werde ich auf jeden Fall versuchen und wie gesagt, wenn ich etwas aus Leipzig weiß, melde ich mich!!

      Liebste Grüße,
      Charlousie

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  4. Hallo Charlousie ,

    nun vielleicht kommt mir da auch meine entsprechende Lebenserfahrung/Alter zu gute und das ich auch mal zwischen den Zeilen lese, wie man so schön sagt..Augenzwinkern..

    O.K. und ich mir gerne Gedanken mache/weiterspinne so einen Gedankengang…

    Schönen Feiertag und LG… ….

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    1. 🙂 Ich denke auch gerne weiter und spinne Gedanken, allerdings kann ich bei meinen eigenen Texten schlecht zwischen den Zeilen lesen. Manchmal habe ich eine bestimmte „Absicht“, manchmal nicht 😉
      Aber sicher, so etwas hängt immer mit den individuellen Erfahrungen von jemandem ab 😀

      Liebe Grüße,
      Charlousie

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Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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