Ich blogg dich weg! von Agnes Hammer [Rezension]

Es kam mir so vor, als hätte ich keine Muskeln und Knochen mehr. Wie ein blasses Hühnerbrustfilet auf dem Schneidebrett saß ich auf dem Klodeckel. Ein bisschen schwabbelig. Mit einem scharfen Messer ganz leicht in Streifen zu schneiden. S. 59, “Ich blogg dich weg!” – Agnes Hammer © Loewe

Inhalt:

7706-01_ 210.psd.inddSeit Jahren schon ist Julie die Frontsängerin der Band Jase Noju und begeistert alle mit ihrer Stimme. Ihre beste Freundin Jasmina und deren Zwilling Sebastian kennen Julie und Julies Bruder Noah schon aus dem Sandkasten, weswegen es für alle schwer ist, als Noah ein Auslandsjahr macht. Sie müssen nun einen neuen Schlagzeuger suchen, um trotzdem auf ihrem alljährlichen Schulfest auftreten zu können. Doch dann erhält Julie Drohmails, von denen sie niemandem etwas erzählt. Bei den Drohmails bleibt es allerdings nicht. Es wird ein Fake-Account auf Julies Namen eingerichtet, auf dem “ihr wahres Gesicht” enthüllt wird. Was harmlos beginnt, entwickelt sich zu einer unkontrollierten Lawine, die auf ihrem Weg bergab Julies Persönlichkeit zum Einsturz zu bringen droht.

Fluch und Segen, Mobbing in neuen Dimensionen

Das Internet ist Fluch und Segen zugleich. Beziehen kann man dies auch auf das Mobbing, das in “Ich blogg dich weg!” thematisiert wird. Das Internet bzw. Cybermobbing eröffnet ganz neue Dimensionen, in welchen ein Mobbingopfer vor einer breiten Masse beleidigt, beschimpft und niedergemacht werden kann.

Die Autorin Agnes Hammer beschreibt die Entwicklung eines jungen, beliebten und talentierten Mädchens, das in einer Band singt und plötzlich von überall Neid, Hass und Beleidigungen erfährt. Julie, die Protagonisten, wird von einer liebenswerten jungen Frau, zu einem verschreckten und misstrauischen, abgekämpften Opfer, das nicht mehr weiß, wer Freund oder Feind ist. Die Nachzeichnung dieser Entwicklung hat mich erschreckt und ist Agnes Hammer somit bestens gelungen. “Ich blogg dich weg!” soll sicherlich aufrütteln, sensibilisieren und auch gerade für Kinder und Jugendliche ein anschauliches Beispiel bringen, um sich nach dem Lesen dieses Buches mit dem Thema weiterführend auseinanderzusetzen.

Teilweise etwas gekünstelt und konstruiert, dennoch lesenswert

Der Beginn des Romans hat für mich etwas gekünstelt gewirkt. Nach und nach werden für rund 160 Seiten recht viele Perspektiven eingeführt. Die Perspektiven selbst sind in der weiteren Handlung beinahe alle schlüssig und gut nachvollziehbar und ebenfalls erforderlich, um zu verstehen, wie sich die verschiedenen Parteien in solch einem “Mobbingprozess” fühlen. Es ist quasi notwendig, um sowohl den oder die Täter als auch das Opfer zu verstehen. Leider wirken ebenjene Perspektiven manchmal dann doch recht konstruiert, weil die Personen aus der Ich-Perspektive als Stereotypen auftreten und Rollen einnehmen, von denen ich oft schon wusste, wohin sie führen würden.

Agnes Hammer baut durch die Perspektivenvielfältigkeit und den damit einhergehenden Motiven außerdem einige, potenzielle Täter ein. In meinen Augen sind diese krampfhaft vielen Motive und Spuren etwas überflüssig gewesen. Sie besaßen zwar keinen Störfaktor, doch ohne sie wäre ich auch bestens ausgekommen.

Fehlender Bezug zum Buchtitel

Blöderweise erweist sich die Auflösung zwar nicht direkt als unlogisch, doch sehr viel Sinn ergibt sie in einigen Punkten nicht. Das Bild des Täters wird im Vorfeld ganz anders gezeichnet und plötzlich offenbart sich der “Wolf im Schafspelz” und kippt somit alles, wofür er/sie vorher gestanden hat.

Des Weiteren trifft der Titel “Ich blogg dich weg!” den Inhalt dieser Lektüre überhaupt nicht. Es wird kein Webblog erwähnt. Das Mobbing findet in einem sozialen Netzwerk statt, auf YouTube und innerhalb privater E-Mails, vom Bloggen also keine Spur. Andererseits hat mich der Titel als Vollblutbloggerin natürlich ordentlich angesprochen. Nur dass es bei solch einer hochbrisanten Thematik darum gar nicht geht. Somit ist der Titel recht reißerisch und lässt falsche Assoziationen entstehen.

Nichtsdestotrotz bin ich in vielen Teilen beeindruckt von Agnes Hammers Werk. Ich habe mitgefühlt und konnte manches selbst nicht begreifen. Teilweise ging es mir sogar so nahe, dass ich froh gewesen bin, jederzeit aus der Situation entfliehen zu können und im Gegensatz zu Julie nicht zwischen den Buchdeckeln festzustecken.

Mein Fazit:

Ich blogg dich weg!” ist trotz der kleinen Mängel eine angemessene Lektüre, um sich mit dem Thema Mobbing auseinander zu setzen. Agnes Hammer gelingt es, in die tiefen Gedankengänge des Opfers einzudringen und eine nahe Bindung zu den LeserInnen zu schaffen. Auf der anderen Seite wird auch der Part der Mobbing-Initiatoren größtenteils gut beleuchtet, so dass sich dieses Buch von der Einseitigkeit wegbewegt und sich als Grundlage für Diskussionen und Selbstreflexionen bestens eignet.

Meine Leseempfehlung für Genre-Interessierte, ansonsten eine bedrückende Lektüre, die schnell gelesen ist, aber noch eine Weile nachhallt.

–>Leseprobe

Ich schlich nach Hause, versuchte mir einzureden, dass ich da etwas falsch gesehen, falsch verstanden, falsch interpretiert oder falsch sonst was hatte. Aber in Wirklichkeit war ich falsch. Ich ganz allein. S. 122, “Ich blogg dich weg!” – Agnes Hammer © Loewe

Wölkchen4

Allgemeine Buchinformationen:

Agnes Hammer
» Ich blogg dich weg! «
ab 12, 1. Auflage 2013
160 Seiten, 12.5 x 18.5 cm
ISBN 978-3-7855-7706-6
Taschenbuch
5,95 € (D)
6,20 € (A)
Zu “Ich blogg dich weg!” bei Loewe

Advertisements

Über Charlousie

Ich lebe · liebe · lese · Ich schreibe · Ich rezensiere · Ich blogge https://leselustleseliebe.wordpress.com/ Eine verrückte, bloggende, verträumte, Buchliebhaberin, die mit ihren Katzen zwischen den Worten wohnt. Wenn du mehr erfahren willst, folge mir auf Twitter, like me on facebook, teile Bilder mit mir via Instagram oder besuche mich auf LeseLust & LeseLiebe.

Veröffentlicht am 23/03/2013 in Buchrezensionen, Rezensionen und mit , , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 6 Kommentare.

  1. Eine schöne Rezension!
    Mich macht das Buch auch vor Allem wegen des Titels neugierig, aber das ist ja schade, dass es so gut wie gar nichts mit dem Thema Bloggen zu tun hat. Da ist der Titel wohl wirklich nur Mittel zum Zweck.
    Der Rest hört sich aber gut an. Wenn mir das Buch also mal zufällig in die Hände fällt, werde ich es auf jeden Fall lesen! 🙂

    LG Jessica

    Gefällt mir

    • Huhu!
      Vielen Dank! Ja, es lohnt sich trotzdem. Aber ich finde einfach, dass man das wissen sollte mit dem Bloggen, weil es auch einfach nicht aus dem Klappentext hervorgeht…

      Wünsche dir noch ein schönes Wochenende,
      Charlousie

      Gefällt mir

  2. Echt gute Rezesion!
    Ich habe vor kurzem eine Seite über Mobbing aufgemacht in dem Leute ihre Erfahrungen über Mobbing berichten können.
    Mein Bücherblog: http://buecherhunger.jimdo.com
    Also ich würde unheimlich gerne mal lesen.
    Lg
    Smileymaker

    Gefällt mir

  3. hay
    ich habe das buch schon gelesen und darf es in der schule vorstellen aber ein kapiere ich nicht ist das buch in Wirklichkeit paarsiert oder nicht weil ja hinten noch mit dem projekt drinn steht und jetzt weis ich nicht was ich sagen soll wen sie mich fragen. aber das buch Ansicht ist ecchht hammer geil

    Gefällt mir

    • Hallo Anonym,
      nein, das Buch basiert höchstens auf wahren Begebenheiten, aber es ist keinesfalls so passiert.
      Vielmehr soll es aufzeigen, wie es sein könnte und bestimmt öfters hier und da passiert. DANN wird auf das Projekt verwiesen, damit man weiß, es gibt Hilfeanlaufstellen und es bleibt nicht ungesehen, ohne Folgen, etc. …
      Hoffe, ich konnte dir weiterhelfen.
      Lg,
      Charlousie

      Gefällt mir

  1. Pingback: Neue Leckerbissen im Buchregal |

Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: