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Jetzt. Ist. Ruhe. [Kurzgeschichte]

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»Das hättest du sein können« wirst du dir denken, wenn du auf das Grab des Mädchens blickst, das deine größte Leidensgenossin war. Seit Langem schon lässt dich der Gedanke an den Tod nicht mehr los. Wenn die Menschen in deinem Umfeld über ihre Angst vorm Tod sprechen, fühlst du nur eine traurige und einsame Sehnsucht in dir: die Sehnsucht nach dem Tod. Die Sehnsucht nach der ewigen Stille. Wozu solltest du weiterleben?, denkst du dir jedes Mal, wenn du dir deine ernüchternden Aussichten vor Augen führst. Warum kämpfen, wenn der Preis unbedeutend scheint? Wieso Qualen erleiden? Warum dieses hungrige Feuer in dir weiter nähren, das nie satt und immer ruhelos ist, wenn du es doch so leicht beenden könntest? Wieso, weshalb, warum? Die Gedanken drehen sich in deinem Kopf. Sie schweifen von dem Sterbenswunsch ab und bewegen sich in die Richtung über den Sinn des Lebens. Letztlich ist es müßig, überhaupt so zu denken. Denn du sagst dir jeden Tag, wenn du es nicht heute tust, dann doch morgen oder nächste Woche, vielleicht auch nächstes Jahr. Du lebst eigentlich nur weiter, weil du die Gewissheit hast, dass dies dein letzter Atemzug sein könnte.
Als die fiesen Sprüche losgingen, hättest du nie gedacht, dass es so schlimm werden könnte. Vor allen Dingen hast du nicht mit Carinas Freund gerechnet…
Das hättest du sein können.“ Du bist nicht traurig, weil sie gestorben ist. Martha Levin, Geliebte Tochter und Schwester…
Du starrst auf den Grabstein, bis die Lettern sich vor lauter Tränen in deine Augen zu brennen scheinen. Du bist eifersüchtig und wütend, weil sie dir zuvorgekommen ist.

»Nein, ich habe kein schlechtes Gewissen.« Um die beiden Schlampen tut’s ihm nicht leid. Im Gegenteil. Oft genug hat er ihnen gesagt, dass die Welt ihren hässlichen Anblick nicht mehr ertragen kann und sie ihr mit ihrem Tod einen riesen Gefallen tun würden.
Er legt sich in sein Bett und versucht einzuschlafen.
Nein, er hat kein schlechtes Gewissen. Warum auch? Er hat der Welt einen guten Dienst erwiesen. Es war richtig, den beiden zu zeigen, wo es langgeht. Die eine hatte seinen Rat sogar beherzigt. Sagt das nicht alles? Am Ende war sie so dünn wie ein Streichholz. Er musste sie nur einmal anstupsen und schon flog sie wie vom Wind weggeweht gegen die Wand. Das gefiel ihr. Sie mochte sein männliches Zugreifen. Sie sehnte sich regelrecht nach seiner Aufmerksamkeit, dafür besaß er ein untrügliches Gespür. Doch wie hat er zu seinen Männern immer gesagt? – Einmal fett und hässlich, immer fett und hässlich. Genauso sieht’s aus. Doch für den Notfall, konnte diese Bitch eben auch mal herhalten.
Nein, diese Schlampen haben nur sein Sichtfeld getrübt.
Was ihm Leid tut, ist sein Kumpel. Der dreht seit dem Tod der beiden völlig am Rad. Zumindest scheint dieser „Verlust“ seine Freundin sehr mitgenommen zu haben. Oder der Depp ist auch nur zu blöd und verplappert sich am Ende noch. Das macht ihm allerdings ein bisschen Sorgen. Vielleicht tut es ihm nur leid. Oder beides. Nur gut, dass Tote tot bleiben und nicht mehr auspacken können. Aber warum muss die Schickse von Benno auch barmherzige Samariterin spielen, indem sie sich gnädigerweise immer mal wieder mit diesen Losern abgegeben hatte?
Er wälzt sich unbewusst von der einen auf die andere Seite und zupft wie immer wieder die Decke zurecht.lösungsbuchstabe4
Tatsächlich. Er hat die Welt von der Last dieser beiden befreit.  Benno und sein Mädchen Carina werden das schon noch wuppen. Er ist recht zuversichtlich.
Er greift zum Nachttisch und nimmt die Packung mit den Schlafmitteln, die er seit den Beerdigungen zum Schlafen braucht.

»Ich habe versagt«, diesen Gedanken wird sie einfach nicht mehr los. In all seinen Formen begleitet er sie durch den Tag hindurch.  Sie ist am Boden zerstört und Benno meidet sie in letzter Zeit. Wenn sie sich mal sehen, drängelt er immer öfter und will unbedingt „reden“, wie er es zu sagen pflegt. Oder er dröhnt sich bis zur Besinnungslosigkeit zu. Was auch immer häufiger vorkommt. Wenn so seine Art zu trauern aussieht…
Warum hat sie nichts gemerkt?
Und was gibt es da, bitte schön, noch zu reden? Sie hat zwei Menschen innerhalb kürzester Zeit verloren. Während Marthas Beerdigung wirkte Elise ungewöhnlich gefasst. Wenn sie es genau bedenkt, dann schien Elise sogar etwas wütend. Wütend… aber warum? Weshalb war Elise wütend auf Martha? Fühlte sie sich von Martha im Stich gelassen? Sie selbst war nie Zielscheibe der Verspottungen, obwohl sie sich häufig bei Elise und Martha herumtrieb. Hielt Elise dem Druck der Beleidigungen alleine nicht mehr stand?
Sie hätte es verhindern müssen. Wenigstens jedoch mit Elise darüber reden können. Denn sie hat doch etwas gemerkt, oder nicht?
Hatte sie nicht sogar Benno einmal erwischt, wie er lachend neben seinen Kumpels stand, als sie die beiden blöd anmachten?
Hat Elise nicht immer über den Sinn des Lebens philosophiert und auffällig oft vom Verrotten, Sterben und der Kurzlebigkeit der Menschen gesprochen? „Einer mehr oder weniger, darauf kommt es bei der wachsenden Überbevölkerung auch nicht mehr an. Im Gegenteil; die Natur wird es uns danken. Schließlich zerstört jeder Einzelne von uns den Planeten jeden Tag ein bisschen mehr. Er wird sich freuen, da bin ich mir sicher.“
Freuen. Davon ist sie weit entfernt. Als hätten sich plötzlich Elises Gedanken in ihrem Kopf eingenistet. Jetzt, da sie nicht mehr da ist. Ständig muss sie jetzt ans Sterben denken. Darüber, was sie alles nicht gesehen hat, als Elise sich das Leben nahm. War sie ganz alleine? Mit wem hat sie zuletzt gesprochen? – War sie verloren? Verloren… Ja, das ist ein guter Begriff dafür: „verloren“. Sie hat sich in sich selbst verloren.

»Ich kann ihr nicht mehr in die Augen sehen.« Die Situation belastet mich. Ich hab` halt mitgemacht, aber ich habe doch nie das gewollt.
Eigentlich wollte ich damit aufhören, aber die Drogen helfen mir, besser abzuschalten.
Milan hat halt immer gesagt, dass die beiden das verdienen. Anfangs hat er gesagt, dass Elise ihn mal mit `nem anderen Typen verarscht hat, als sie so `ne heiße Schnitte geworden war. Später meinte er dann, sie hätten`s einfach verdient, weil sie hässliche Schlampen wärn.
Ich kann Carina doch nich sagen, was wir wirklich gemacht ham, oder? Milan hat gesagt, dass ich sie damit nicht wirklich betrogen hätt`, denn es wär ja nichts Richtiges passiert. Zumindest ham wir`n ja rechtzeitig rausgezogen. „Wenn die beiden singen“, hat er lachend gelallt. „Dann sin wa alle Zeugen, dass de nur Schmiere standst und dich zurückgehalten hast, jawoll, Benno?“
Wie hat das nur so eskalieren können?
Harmlose Beleidigungen tun doch niemandem weh, oder? Die kann jeder ab. Sogar wir beschimpfen uns untereinander. Das gehört einfach zum guten Ton.
Irgendwie reicht der Stoff nicht. Die Gedanken denken gar nicht dran aufzuhör‘n und dreh`n sich immer weiter, immer weiter, immer weiter, immer, weiter, weiter, weiter, weiter… Gedankenkarussell…
Wieso will Carina mir nicht richtig zuhör`n?
Aber dieses körperliche Vergehen? Ob sie es deswegen getan haben?
Nee, Alter“, meinte Milan neulich. „Die war`n doch froh, dass sie mal von ganzen Kerlen rangenommen wurden.“
Ich muss es Carina sagen. Ich muss einfach. Aber nicht jetzt. Jetzt wirkt der Shit endlich.
Jetzt. Ist. Ruhe.

»Hingucken. Helfen. Handeln Weiterführende Informationen in dem rezensierten Buch „By the time you read this, I’ll be dead“ von Julie Anne Peters oder im Internet auf:by the time

u25-freiburg.de // neuhland.net youth-life-line.net // nethelp4u.de // beratung-caritas.de // junoma.de // hoffnungswiese.de // kidshotline.de

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