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Der letzte Engel von Zoran Drvenkar [Rezension]

Der Engel wird schutzlos vor euch treten. In seiner Brust wird eine Leere hausen, die nur ein Engel füllen kann.

Die Zimmertür ist offen und ein Gespenst von einem Mann steht im Türrahmen. Ein Auge ist die Nacht, ein Auge ist der Tag. Die Wangenknochen stehen kantig hervor, der Mund zittert, die linke Hand ist eine Faust, die sich öffnet und wieder ballt, öffnet und wieder ballt. […] Seine Stimme ist ein gebrochenes Leben, und seine Stimme ist ein Schatten, der kein Licht kennt. „Ich bin hier, um dir ein Märchen zu erzählen.“ […] S. 420,„Der letzte Engel”, Zoran Drvenkar

Der letzte EngelDer Inhalt:

Am Abend erhält der 16-jährige Markus Hakonson, genannt ‚Motte‘, eine erschreckende E-Mail. Der Verfasser bekundet sein Beileid, aber am nächsten Morgen würde er, Motte, tot aufwachen. Motte will es eigentlich als Quatsch abtun, doch die Angst sitzt ihm bereits im Nacken. Stundenlang versucht er, wach zu bleiben doch die Müdigkeit fordert ihren Tribut und Motte schläft schließlich ein. Als er aufwacht, ist er tatsächlich tot. Er sieht seinen leblosen Körper auf dem Bett liegen, während er sich daneben, mit einem niegelnagelneuen Paar Flügel auf dem Rücken, wiederfindet. Bis auf seinen besten Kumpel kann ihn niemand in seiner neuen Gestalt sehen. Was Motte nach diesem Schock noch nicht einmal ahnt; er ist der letzte Engel und somit ungewollt Teilnehmer eines jahrhundertelangen Wettstreits geworden, indem es um den Erhalt der Menschen und Engel geht. Doch wer gegen wen kämpft und warum, soll sich sobald niemandem erschließen…

Unwissenheit als Spannungsträger

Der letzte Engel“ ist ein komplexes und vielschichtiges Werk, das sich in mehreren Zeiten und Daseinsebenen bewegt, sehr viele verschiedeneDrvenkar Charaktere einbindet und ebenjene Zeiten und Perspektiven zum Schluss ineinander verschmelzen lässt.

Der Kick wird beim Lesen durch die permanente Ungewissheit hervorgerufen. Nachdem der Autor Zoran Drvenkar verschiedene Lager ins Rennen geschickt hat – bspw. die Bruderschaft, die Blutsschwestern, die Fraktion der Engel und ‚Die Familie‘ – wissen die LeserInnen nie, wem sie nun trauen können, wer (im klassischen Stil) „Gut“ und wer „Böse“ ist. Der komplette Hintergrund fehlt, auf dessen Kern man beim Lesen zu stoßen hofft, indem man Schicht für Schicht entblättert. Die Unmöglichkeit ein objektives Urteil zu den drei Lagern zu fällen, ist den rein subjektiven Einblicken verschuldet. Dies ist einerseits spannungsfördernd, andererseits ganz schön fies. Es trug letztlich aber auch dazu bei, dass ich „Der letzte Engel“ in nur einem Rutsch durchlas.

Ein breites Spektrum, das nie überladen, stets für abwechslungsreiche Wendungen sorgt

Zoran Drvenkars Schreibstil verspricht einen Gänsehautfaktor. Wie man dem Zitat entnehmen kann, drückt dieser sich in ungewöhnlichen Kombinationen von Worten aus und verspricht ein ganz besonders intensives, überraschendes und gänzlich anderes Lesen als bei den Werken, die ich bisher gewohnt bin. Durch den Schreibstil haftet der Erzählung eine sarkastische Atmosphäre an, die sich in der Bissigkeit und verschlagenen Listigkeit mancher Charaktere widerspiegelt.

Der letzte Engel“ lässt wenig aus, wirkt jedoch nie überladen. Einen lohnenswerten Abstecher und bereichernden Grundstein stellen die Gebrüder Grimm dar, die für ihren sachkundigen Märchenverstand eine ganz exquisite Rolle in diesem temporeichen Stück der Verwicklungen, Verflechtungen, ‚Zufällen‘ und Intrigen zugedacht bekommen.

Zoran Drvenkars Jugendbuch ist im strengen Sinne kein Märchen, es haftet ihm aber gelegentlich etwas Märchenhaftes an, was nicht zuletzt an einigen Mythen, Sagen und den Gebrüdern Grimm liegt. Gegliedert ist „Der letzte Engel“ in vier Teile, die je von einem Engelszitat eingeleitet werden, welches einen (rätselhaften) Ausblick auf das in diesem Abschnitt Folgende bietet.

Leider bringt das Ende dieses Romans nicht die erhoffte Auflösung. Wie im Inhalt mehrfach thematisiert, bringt jedes Ende auch einen Anfang hervor und so setzt Zoran Drvenkar dies in mehrfacher Hinsicht um, indem „Der letzte Engel“ ein (offenes) Ende besitzt und die Fortsetzung (mutmaßlich) einen neuen Anfang bieten wird.

Mein endgültiges Urteil:

Generell habe ich zwar die Nase gestrichen voll von Fortsetzungsromanen, doch bei Ausnahmewerken wie „Der letzte Engel“, kann ich alle Augen zudrücken, denn da lohnt sich jede Sekunde des Wartens. Aufregend, schnell, anders, faszinierend, verwirrend und unglaublich komplex entführt dieser Autor in eine Haschjagd der Superlative, die – gänzlich ohne romantische Elemente – mein Leserherz höher schlagen lässt und eine schwer zu toppende Messlatte für seine Fortsetzung legt.

Bewertung
Bewertung

Der Autor über sein Werk (TOLLER Einblick!):

Thematik:

Wettstreit

Engel

Jugendliche

Überlebenskampf

Haschjagd

Märchen, Mythen, Sagen

Gebrüder Grimm

Lebensursprung

Gene

Unsterblichkeit

Rassen, Gattungen

Allgemeine Buchinformationen:

Zoran Drvenkar
Der letzte Engel
Originalausgabe
Ab 14 Jahren
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 432 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-570-15459-5
€ 16,99 [D] | € 17,50 [A] | CHF 24,50
Verlag: cbj
Zu „Der letzte Engel“ bei cbj

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