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Freiheit [Kurzgeschichte]

Letztes Jahr habe ich euch an Weihnachten meine Kurzgeschichte „Und die Welt ist meine Beute“ vorgestellt. Dieses Jahr möchte ich ebenfalls zur Weihnachtszeit eine Geschichte präsentieren. Es dreht sich um meine Kurzgeschichte „Freiheit“, die ich letztes Jahr im Dezember schrieb und die eindeutig zu dieser Jahreszeit veröffentlicht werden muss.  😉

Wer im Vorfeld grob wissen mag, wovon die Geschichte handelt, sollte mit der Maus über den eingeklammerten Bereich fahren und ihn markieren. Wer sich komplett überraschen lassen möchte, liest einfach ab dem Titel der Geschichte. Über Feedback wäre ich sehr dankbar. Gerne auch negative (faire :)) Kritik! „Frohes Lesevergnügen“ passt angesichts des Inhalts nicht.

[„Freiheit“ handelt von einer Frau, die mit ihren unerfüllten, undefinierbaren Sehnsüchten kämpft und hin-und-her gerissen zwischen Leben und Tod, in ihrer Verzweiflung den letzten Schritt wagen will.]

Freiheit

Sie liest in einem Buch, um sich von ihrem Schmerz abzulenken. Um eine Zuflucht vor der Welt und ihrem geschäftigen Treiben zu finden, um noch das Gefühl für etwas zu bekommen, was ihr gehört, nur ihr alleine. Gedanken, die sie mit niemandem teilen, Träume, für die sich sich vor niemandem rechtfertigen muss. Da dringt Lärm an ihr Ohr und als sie kurz von ihrer Lektüre aufschaut, merkt sie gar nicht wie ihr Blick an der Dunkelheit vor ihrem Fenster hängen bleibt.
Sie steht auf, schaltet die Schreibtischlampe aus, bis auch sie selbst in völlige Dunkelheit getaucht ist. Dunkelheit innen und außen. Sie tritt vor das Fenster, fährt mit dem Finger die Schlieren nach, die das Kondenswasser auf die Verglasung gemalt hat, während ihre Augen die vereinzelten Lichter in der Ferne verfolgen, an ihnen hängen bleibt, bis ihr Blick weiter schweift.
Weg von der Straße, die unter ihrem Fenster eine Biegung macht; weg von den hell erleuchteten Fenstern ihrer Nachbarn; weg von dem Lärm in ihrem Kopf, der niemals zur Ruhe kommt und weg von ihrem Alltag; dem Leben, was ihr manchmal so verhasst ist.
Ihr Blick gleitet in Fernen, die nur für sie zugänglich sind. Sie träumt sich fort, an Orte, die schön sind. An Orte, in denen sie sich wohlfühlt und nicht so ruhelos ist, immer gehetzt und irgendwie immer so, als bekäme sie kaum Luft.
Diese Tagträume stellen sich häufig ein. Öfters, als ihr lieb ist. Sie seufzt und hört im Geiste das Rauschen des Windes. In ihrem Kopf blitzt eine Ahnung des Meeres auf, so wie sie es sich vorstellt, denn am Meer war sie noch nie. Sie meint salzige Luft einzuatmen und glaubt, dass dieser Geschmack auf der Zunge ein schöner, ein erfrischender sein muss, auch wenn sie ihn nicht mehr schmecken kann. Denn sie hat keine Zeit. Ihr Job, den sie einmal geliebt hat, stiehlt ihr die meiste Zeit. Selbst dann, wenn sie nicht arbeitet, ist sie gedanklich bei all den Aufgaben, die sie nicht mehr erledigen konnte und die nun auf sie warten. Kaum sind die aktuellen vom Tisch, warten schon neue auf sie. Aus allen Ecken, Ritzen und Schatten kommen sie angekrochen, stürmend, lärmend, schreiend, erstickend und begraben sie unter sich. Ein nie enden wollender Strom an Aufgaben. Manchmal gibt es Abwechslungen, doch im Grunde sind sie alle gleich. Langweilig und dennoch muss sie sich mit ihnen befassen. Ihnen ihre ganze Zeit widmen. Wo sie doch viel lieber mal zum Meer fahren würde und nur einen Moment des Durchatmens, des Loslassens und der Stille genießen möchte. Stille bedeutet für sie Freiheit. Nicht nur die Stille um sie herum, sondern auch in ihren Gedanken, in ihrem Körper. Stille und Ruhe. Ein Luxus, den sie nicht mehr hat.
Denn den Rest der Zeit beansprucht ihre Familie. Es ist nicht so, dass sie sie nicht mehr liebte oder bräuchte, doch manchmal…
Manchmal stellt sie sich vor, wie sie in ihr Auto stiege, den Blinker setzte, um auf die Autobahn abzubiegen und dann solange zu fahren, bis sie da ankommt, wo es still ist. Still und ruhig. Wo sie einmal frei ist. Frei von allem. Dem Stress, ihrem Alltag, ihrem einfordernden Job und den Verpflichtungen ihrer Familie gegenüber.
Überflüssig schreit es in ihrem Körper, worin liegt der Sinn des Lebens, wenn man es jeden Tag aufs Neue verflucht und sich einem jede Sekunde wie Eis in die Lunge einbrennt und jeder Gedanke mehr Qual als Frieden zu bringen scheint?
Nach einem letzten Blick wendet sie sich vom Fenster ab und streckt ihre müden Glieder. Sie knacken und sind steif. So fühlen sie sich immer an. Selbst im Schlaf, selbst dann, wenn sie träumt. Sie ist erst Anfang dreißig und fühlt sich dennoch uralt. Sie geht in den Flur, hört im Wohnzimmer ein paar heimelige Lieder und das Lachen ihrer Familie. Eine Familie, zu der sie eigentlich gehören sollte und dennoch fühlt sie sich so alleine. Es ist einfach alles zuviel, als würde ihr Kopf jeden Moment zerplatzen und sich herausstellen, dass sie gar nicht auf diese Erde gehört. Dass sie nur die Marionette in einem Stück spielte und diese Familie in diesem Wohnzimmer in Wahrheit gar nichts mit ihr zu tun hat.
Langsam, um unentdeckt zu bleiben, schließt sie den Reißverschluss ihrer Stiefel hoch, greift zu den Schlüsseln und zieht bedächtig die Wohnungstür hinter sich zu. Sobald sie das Treppenhaus hinter sich gelassen hat und sich über ihr ein beinahe wolkenloser mit Sternen übersäter Himmel erstreckt, kommt ihr die Welt plötzlich unerträglich groß vor.
Mit den Händen in den warmen Taschen begibt sie sich auf den Weg. Es sind nur wenige Minuten bis zu ihrem Ziel, obwohl sie im Grunde genommen gar keines mehr hat. Ziellos am Ziel, denkt sie sich und hätte beinahe gelacht, wenn sie das nicht schon vor ein paar Jahren aufgegeben und verlernt hätte.
Sie geht die Autobahnbrücke entlang und balanciert auf dem Gehsteig, der auf beiden Seiten der Brücke emporragt. Dabei stellt sich so ein Schwindelgefühl ein, wenn sie beim Balancieren in die Ferne schaut, die Autos unter ihr aus beiden Seiten an ihr vorbeirasen.
Von der einen Seite wirken die unzähligen Scheinwerfer der Autos wie ein sich ewig bewegender Teppich aus Licht, während dem Rot der Hinterlichter in ihrer Vorstellung etwas Verschlagenes und Heimtückisches innewohnt.
Wenn sie jetzt ausrutschen würde….
Ist es gleichgültig, weil das Geländer alle Menschen vor einem Sturz schützt. Eine Autobahnbrücke ist kein romantischer Ort. Er ist laut, stinkt und windet heftig, dennoch kann sie hier am Besten merken, dass sie noch fühlt Dass da noch ein Fünkchen Leben in ihr steckt, ein Restchen, dass der vermodernde Tod von ihrem Inneren noch übrig gelassen hat. Denn während sie den Autos nachschaut, spürt sie…
Nein, keine Freiheit. Es ist ihre eigene Sehnsucht, die da aufsteigt, die ihren Körper erhitzt und ihren Herzschlag beschleunigt. Die Sehnsucht, die in langen, wellenschlagenden Bewegungen gen dunklem Himmel steigt, bis sie sie aus den Augen verloren hat. Sie kann dann noch besser davon träumen, wie es wäre, in einem der schweren LKW’s zu sitzen, die vorbei donnern und teure Frachten transportieren. Oder sie sieht sich in einem Oldie die Autobahn langzuckeln, dem fernen Horizont entgegen. Sie könnte Abenteuer erleben, Luftschlösser bauen, alles bewältigen.
Immer sieht sie sich alleine in einem Auto. Nie als Beifahrerin oder in Begleitung. Dadurch würde ihr Traum von der Freiheit nicht funktionieren, einfach zerplatzen.
Ein Windstoß bringt sie ins Schwanken und sie legt die Arme auf das Brückengeländer. Starrt auf den Asphalt, indem selbst in der Dunkelheit ein paar Furchen und Unebenheiten zu erkennen sind.
Es ist gar nicht weit bis nach unten. Es würde nicht lange dauern, um dort hinzukommen, wo sie hinwill. Was sie sich davon erhofft, ist ihr nicht wirklich klar, aber wenn sie jetzt spränge, kehrte endlich Ruhe und Frieden in ihrem Inneren ein. Und das für immer.
Die Autos sehen in der schwarzen Nacht alle gleich aus. Ein Einheitsbrei, genauso wie das Leben, sagt sie sich und streicht sich ein paare widerspenstige Strähnen aus dem Gesicht, die sich durch den schneidenden Wind aus ihrem Zopf gelöst haben. Ihre Hand zittert dabei, ihre Nase läuft, ihr ist so verdammt kalt. Immer und immer und immer, sogar im heißesten Sommer.
Da packt sie plötzlich die Wut und verdrängt ihre Sehnsucht. Sie ist sauer auf ihr Leben, auf die Menschen, durch die sie sich gefangen fühlt, auf die Fesseln der Gesellschaft und auf sich selbst, weil sie sich dem so kampflos ergeben hat.
Sie wendet sich ab von dem trostlosen Brückengeländer und legt den Kopf in den Nacken. Am Himmel glänzt ein voller Mond, leicht versteckt von ein paar Wolken. Außer den Autos unter ihr ist sie ganz alleine, deswegen schämt sie sich auch nicht als die Hand ausstreckt und böse den Mond anschreit. Ihre Lippen formen keine verständlichen Worte, darum geht es auch nicht. Irgendetwas muss sie schließlich versuchen, um an ihrem Zorn nicht elendig zu ersticken. Die Alternative wäre der Tod. Schwer atmend konzentriert sie sich wieder auf die Autobahn unter ihr und stemmt sich mit beiden Händen auf das Geländer. Warum eigentlich nicht? Warum sollte sie dieses Theaterspiel von Leben nicht endlich aufgeben?
Sie schließt die Augen und hofft auf ein paar Tränen, doch den Gefallen wollen ihre Augen ihr nicht tun, sie selbst hasst sich für ihr Selbstmitleid, ihre Melancholie.
Da glänzt ein Plan in ihrem Kopf. Sie weiß, wie sie davon träumt, gerade eben hatte sie es wieder getan, warum sollte sie ihren Traum nicht realisieren? – Sie sollte sich ins Auto setzen und über die Autobahn davon fahren, irgendwo hin…
Entschlossen tritt sie den Rückweg an, ohne sich umzublicken und verlässt die windige, offene Fläche der Brücke. Verlässt die Steilhänge, an denen die schönsten Brombeersträucher wachsen, von denen nie jemand essen wird, nur weil sie dazu verurteilt sind, direkt an einer mit Abgasen verseuchten Stelle zu wachsen.
Sie schenkt den Lichterketten und Dekorationen an den Häusern um sie herum keine Aufmerksamkeit. Als sie die Garage aufschließen will, haut sie frustriert gegen die verschlossene Tür, denn sie hat den Schlüssel nicht an ihrem Bund.
So bleibt ihr nichts anderes übrig, als noch einmal in die Wohnung zu gehen und ihn zu holen. Aber das schafft sie nicht. Dann würde sie der Mut verlassen. Jetzt noch fühlt sie sich stark genug, um ihre Familie ohne ein Wort zu verlassen, doch wenn sie oben ihre Abwesenheit schon bemerkt haben, muss sie sich ihnen stellen und dafür wird sie immer zu feige sein.
Da kommen unverhofft mit einem Mal doch noch ein paar Tränen. Sie wendet sich zitternd ab und geht zurück auf die Brücke.
Dort fühlt sie sich freudig begrüßt, beinahe schon wie von einem alten Liebhaber.
Sie weiß, dass sie unfair ist und mit ihrer Tat vermutlich das Leben eines unbeteiligten Menschen zerstören wird, von ihrer Familie einmal abgesehen; aber darauf kann sie keine Rücksicht mehr nehmen. Rücksicht ist eines der vielen Dinge, von denen sie inzwischen mehr als genug hat.
In der Zeitung hat sie mal einen Zeugenbericht über einen Zugfahrer gelesen, der bis heute ein Trauma erlitten hat, weil sich plötzlich ein Körper vor den Zug geworfen hat und er sich nun für diesen Tod schuldig fühlte. Sie plant nichts anderes, nur dass es dieses Mal keinen Zugfahrer, sondern einen Autofahrer treffen wird.
Ihr ist es gleichgültig. Sie zögert noch eine Weile, hängt ihren Gedanken nach, denkt an die Gesichter ihrer beiden Kinder, an den Mann, von dem sie mal glaubte, er würde ihr Hoffnung und
lösungsbuchstabe5 ein glückliches Leben bescheren. Doch seit dem Tag ihrer Hochzeit ist die heiße Sehnsucht in ihrem Körper nur angestiegen. Eine Sehnsucht nach etwas, was sie niemals haben kann, weil sie es nicht einmal definieren kann.
Rastlos.
Sie klettert über das Geländer, steht nun auf der anderen Seite und hat den sicheren Hafen verlassen. Ihr Herz hämmert zwar so wild in ihrer Brust, dass es bald einen Infarkt haben müsste, doch gedanklich ist sie ganz ruhig, eingestimmt auf das, was sie in Gedanken schon zig Mal getan hat.
Da hört sie etwas in der Ferne, was nicht zu den Autobahnlärmgeräuschen passt. Schritte? Ein Rufen? Sie kann es nicht zuordnen, aber es kommt ihr bekannt vor.
Sie ist sauer. Sogar ihren märtyrerischen Tod wird man ihr versauen. Sie will springen, will es ja wirklich, aber sie braucht noch ein wenig Zeit. Zeit, um sich gedanklich von all dem zu verabschieden, was ihr in irgendeiner Form doch noch etwas bedeutet.
Wenn man sie jetzt in dieser Stellung findet, kann sie sich ihre Pläne abschminken, das ist klar. Schnell will sie also zurück klettern, da kommt eine Gestalt in Sicht, die durch die Dunkelheit nur teilweise zu erkennen ist. Sie schwingt schon ein Bein über das Geländer und steht jetzt mit jeweils einem Bein auf beiden Seiten und unter ihr donnern die Autos noch immer unaufhaltsam vorbei. Ein nicht enden wollender Mahlstrom. Da ruft die Gestalt etwas und sie erstarrt in der Bewegung, als sie mit eisigem Entsetzen ihren Mann erkennt. Ohne Schuhe, die Jacke falsch geknöpft, rennt er auf sie zu und fuchtelt wie wild mit den Armen. „Ich hatte so ein Gefühl“, hört sie ihn noch schreien und ihr wird bewusst, dass, welchen Weg sie auch einschlagen wollte, dieser der Falsche war. Er kommt immer näher, während sie weiterklettern will, eine falsche Stelle erwischt, das Gleichgewicht verliert und abrutscht.

Gewidmet meiner geliebten Mutter Antje Sander, die dieses Jahr viel zu früh aus dem Leben schied.

 

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2 thoughts on “Freiheit [Kurzgeschichte]”

  1. Liebe Charlousie,
    mich hat diese Geschichte sehr bewegt, da ich selbst solche Gedanken kenne. Bei den Letzten Worten und deiner Widmung hatte ich sogar Gänsehaut. Du hast wirklich ein Talent fürs Schreiben und ich werde mir auch noch deine anderen Texte durchlesen.

    Liebe Grüße
    Diana

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Diana,

      wow, Danke für dein Feedback! Das hat mich so berührt, dass ich die Geschichte gerade selbst noch einmal las (und selbst überrascht war *hust*es ist schon lange her*hust*)
      Jedenfalls: Danke fürs Lesen – so kurz ist sie dann auch nicht und für die Worte, die du dagelassen hast!

      Alles Liebe,
      Charlousie

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Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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