Buchrezensionen

Nacht von Elena Melodia [Rezension]

Auf einmal spüre ich etwas an meinem Bein ziehen. Ich muss stehen bleiben und stelle fest, dass sich ein Metallhaken, wahrscheinlich die Spitze einer alten Angelharpune, auf Wadenhöhe in meine Hose gebohrt hat. Zum Glück hat er nur den Stoff erwischt, aber mein Herz schlägt trotzdem bis zum Hals, Ich atme tief durch und bücke mich, um mich zu befreien.
Genau in diesem Moment schiebt sich ein Schatten vor das matte Licht der Straßenlampen. Eine Hand nähert sich mir. Ich will fliehen, aber mein Körper reagiert nicht. Ich bin vollkommen gelähmt.

S. 297

Inhalt:
In Almas Leben läuft einiges gewaltig schief. Neuerdings suchen sie erschreckend realistische Träume heim. Träume, in denen sie Morde hautnah miterlebt und wenn sie aufwacht, hat sie alles in ihr violettes Notizbuch geschrieben. Doch wann hat sie das aufgeschrieben? Alma kann sich nicht erinnern, denn sie hat geschlafen. Doch das Schlimme an ihren Träumen, sie werden zur Realität und sie hat es vorher gewusst. Almas einziger Halt sind ihre drei Freundinnen, doch auch diese schlittern alle auf ihre eigenen Krisen zu und Almas einziger Halt zerbröckelt. Sie fühlt sich verfolgt, erlebt merkwürdige Sachen und spürt, dass sie etwas unfassbares zu überrollen droht. Ihr Glück, dass sie noch Morgan hat. Eigentlich lässt sie sich auf Jungs nicht ein, denn Alma weiß, was sie will und Alma tut nichts ohne Kalkül und schon gar nichts, was ihre Pläne durchkreuzen könnte. Aber als ihr die Antworten auf ihre Fragen ausgehen und die Gefahr um sie herum wächst, ist Morgan der Einzige, der Rat zu wissen scheint, doch steht er auch auf der richtigen Seite und vor allen Dingen, wird er sein Wissen mit ihr teilen?

Meine Meinung:
„Nacht“ stößt mich einerseits ab und zieht mich andererseits sehr an. Warum „Nacht“ in mir so widersprüchliche Gefühle hervorruft, möchte ich euch nur zu gerne erläutern.
Beinahe alles, was mir in diesem Roman positiv auffiel, rückte irgendwann ins Negative, weil es entweder unnachvollziehbar bleibt, da das Ende kein wirkliches Ende, sondern ein von der Autorin inszeniertes: „Lassen wir die LeserInnen doch mal ins offene Messer laufen“-Ende ist oder Begebenheiten wie ein falsches Puzzle-Stück komplett und gar nicht in den Handlungsrahmen zu gehören scheint.
Gelungen ist Elena Melodia ihre Protagonistin, zumindest in den Ansätzen. Alma ist eine starke Figur, vielleicht ein wenig zu arrogant, ein wenig zu selbstsicher und wirklich (aus Ermangelung einer besseren Vokabel muss ich einfach dieses Wort benutzen) strange. Aber „strange“ zieht sich durch den gesamten Roman. Es ist sehr schwer, das in Worte zu fassen, weil beinahe alle guten Seiten mit diesem unmöglichen Ende von der Klippe stürzen.
Vieles ergibt keinen Sinn und ich glaube, einiges kann ich nicht beurteilen, da ich die Hintergründe nicht kenne und mir somit einige Verbindungen fehlen. Folglich versagte „Nacht“ darin, es mir generell überhaupt zu ermöglichen, irgendeine Basis zu finden und die Handlung in auch nur irgendeinen Bezug zu setzen. Momentan kann ich weder darüber Angaben machen, ob die von mir erfahrenen Spannungen fiktional sind oder noch realistischer Manier aufgeklärt werden oder was auch immer.
Liegt es an mir oder an der italienischen Mentalität, dass es sich dort so gehört, dass am Ende nichts greifbares dabei herauskommt?
Ich finde das richtig schade, denn einige Szenen hatten wirklich etwas pulsierendes in sich und oft war ich beim Lesen wortwörtlich elektrisiert und musste unbedingt wissen wie es nun weitergeht. Ich wusste, dass alles einen Sinn mit der Auflösung bekäme, doch da diese ausblieb…
Ein Roman sollte doch in der Lage sein, einen Plot zu beinhalten, der sich durch einen Aufbau wie Einleitung Hauptteil und Ausklang auszudrücken vermag. Was haben sich die Menschen, die dieses Buch in seiner Entstehungsgeschichte begleiteten nur gedacht?
Ich kann doch keinen Auflauf kochen und kurz bevor ich ihn in den Ofen schiebe behaupten, er sei fertig und Verzehrbereit. Aber genau das hat Elena Melodia in meinen Augen getan.
Die Charaktere sind zwar gut beschrieben, doch Almas Wandlungen sind keine Weiterentwicklungen, sondern eher Rückschritte. Anfangs ist sie hart wie stahl, doch je schlimmer die Ereignisse werden, die mit rätselhaften Morden, hellseherischen Alpträumen, satanistischen Sektenaktionen und schlimmen Konflikten in ihrem kleinen Freundeskreis zusammenhängen, werden, desto weicher wird sie, so dass sie unweigerlich an allen Geschehnissen zu zerbrechen droht. Wie in einem Krimi versucht sie die konfusen Ereignisse aufzuklären und dabei läuft ebenfalls so einiges schief. Ihr fällt einfach alles in den Schoß. Zufälligerweise kennt sie genau die richtigen Leute und wenn nicht, geht sie nur einmal in ein Café, was sie vorher noch nie betreten hat, trifft auf die Person, die sie braucht, die sofort ihr letztes Hemd hergeben würde, um Alma zu helfen und so führt eines zum nächsten…
Dann spielt sich im Hintergrund noch eine Liebesgeschichte ab. Prinzipiell habe ich nichts gegen Liebesgeschichten, im Gegenteil, oft bin ich ganz versessen auf sie und an sich hat sie mir sehr gut gefallen, weil die beschriebenen Gefühle hautnah bei mir ankamen und zur bereits erwähnten „Elektrisierung“ beitrugen. Aber den Zusammenhang zur restlichen Handlung habe ich erneut nicht feststellen können. Ob Elena Melodia diese nun dort hineingebaut hätte oder nicht, verändert macht auch keinen Unterschied mehr. Mag sein, dass es mit der Fortsetzung mehr Sinn ergibt, aber wenn der erste Teil über den springenden Punkt nicht hinauskommt, im Gegenteil, kurz davor abbricht, bezweifle ich, dass ich weiterlesen möchte. In cirka einem Jahr erscheint dann eine Fortsetzung, aber was weiß ich denn bis dahin noch für Details, die ich aber unbedingt bräuchte, um die Einzelheiten zu deuten? Da fehlt mir doch die komplette Grundstimmung, die in „Nacht“ ansonsten wirklich super zur Geltung kam.
Auch der Titel und das Cover sind wirklich prima gewählt, weil „Nacht“ inhaltlich wirklich schwarz wie die Nacht und grausam kalt wirkt. Elena Melodia hat mich schon berührt und oft ein Talent dafür bewiesen mit ihren Worten Bilder in meinen Kopf zu malen, aber wenn das Große und Ganze nicht stimmt, hilft das nicht viel.

Mein Fazit:
„Nacht“ hätte nach meinem ersten Eindruck vier Sterne erhalten, weil mich Elena Melodias Schreibstil bannen konnte und einem hier wirklich einmal etwas anderes geboten wird. Ich kann nicht einmal definieren, in welchem Genre „Nacht“ am Besten einzugliedern wäre, da ich so etwas noch nie gelesen habe.
Als ich das Buch zuklappte, lebte und tobte in meinem Körper der Frust, weil ich voller Elan auf das Ende hingefiebert habe und mich riesig auf die ersehnte Aufklärung freute. Die blieb aus, meine Stimmung war im Keller und es blieben noch 3 Sterne übrig. Nachdem ich meine Argumentation zu diesem Roman durchgegangen bin, bleibe ich aber bei 2,5 Sternen hängen, denn so viel schönes ich im Einzelnen erleben durfte, Elena Melodia hat sich eine riesige Fallgrube gegraben und fiel am Ende selbst hinein. In ihrem Roman ist vom Bösen die Rede, was überall und um uns herum lauert, doch durch ihr „übel-böse-offenes-Ende“ hat sie zu viel zerstört und es bleibt nur noch wenig übrig, worüber ich mich jetzt freue, wenn ich von „Nacht“ rede. Dennoch möchte ich auf keinen Fall von diesem Roman abraten. Versucht es bitte selbst, denn wer weiß wie toll ihr das außergewöhnliche Szenario und seine Schrecken finden werdet, so dass „Nacht“ für euch am Ende nur ein Cliffhanger von vielen ist und keine Bombe, die alles zerfetzt.

Bewertung

Allgemeine Buchinformationen:
Autor(en) Elena Melodia
Verlag PAN
Seitenzahl 448
Preis EUR (D) 16,99
ISBN 978-3-426-28333-2
Zum Buch: Klick!

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12 thoughts on “Nacht von Elena Melodia [Rezension]”

  1. Schöne Rezension!
    Dann hattest du etwas mehr Glück als ich, dass du wenigstens was gefühlt hast beim Lesen! Hätte ich das getan, hätte ich wahrscheinlich ähnlich bewertet wie du. Leider hat auch dieser Punkt bei mir gefehlt.
    Ich finde, dass das Buch irgendwie nicht reizt, um überhaupt den zweiten Band lesen zu wollen, weil man gleich die Befürchtung hat, dass wieder genau dasselbe geschieht.
    Ich sehe hier auch Potential, aber irgendwie keinen richtigen Plot. Zumindest mehr Nebenhandlung als eigentliche Handlung. 😉

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    1. Ja, genau die Befürchtung habe ich auch und es ist mir nach wie vor unbegreiflich dieses Buch. Langsam möchte ich aber auch nicht mehr verstehen, was hinter „Nacht“ steckt, denn jetzt habe ich unermüdlich gerätselt und es zermürbt mich ein wenig. Der beste Hinweis ist tatsächlich noch der mit dem Dante-Zitat am Anfang, der einzig wirklich „feste“ Orientierungspunkt für mich.
      LG!

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      1. Finde ich auch. Ansonsten ist da ja gar nichts. Ich mein, es ist so und so Geschmacksache, aber hier hat es mich extrem gestört, wie es verlaufen ist.

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        1. Mich auch. Obwohl anderes ja wirklich wieder lesenswert war, für mich zumindest und ich deswegen auch noch weniger verstehen kann, warum das so ins Leere verläuft…
          Komisch, komisch, komisch…

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        2. Ja….vielleicht wäre es für mich auch anders gewesen, wenn da am Schluss irgendwie was gekommen wäre.

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    1. Ja, dass weiß ich, Danke, habe ich aber auch geschrieben. Es gibt auch Bücher wie „Ashes“ von Ilsa J. Bick, die megaspannend enden und noch einiges offen ist und dennoch gut sind, weil sie eine „sinnvolle“ Handlung haben.
      In meiner Rezension habe ich das aber auch noch einmal deutlicher aufgeführt 🙂 und auch meine Gründe, was ich davon halte, so etwas in einer Fortsetzung aufzuteilen etc.

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  2. Ich habe jetzt deine Rezension nicht gelesen, nur die Bewertung, denn ich lese das Buch gerade erst selber. Aber Alma kann ich nach den ersten 4 Kapiteln schon nicht mehr leiden…

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    1. Alma war bei mir zwar echt nicht das Problem, aber verdenken kann ich es dir auch nicht! 😉
      Aber vielleicht gefällt dir ja der weitere Verlauf, denn ich kann mir vorstellen, dass einige dieses offene, ungeklärte gefallen wird!
      LG!

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Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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