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Nicht weit vom Stamm von Oliver Uschmann [Rezension]

… ich muss den Dreck aus den Rillen seiner Schuhe lecken, während er lacht, jeden einzelnen Krümel, und in meinem Kopf dauert es Tage und Wochen und Monate und es hört niemals auf und ich kämpfe mit mir und denke in jedem einzelnen Augenblick nur noch daran, ob es nicht besser wäre, ihm den Fuß zu brechen, ihm ins Gesicht zu spucken und dann zu sterben, in Würde zu sterben, statt auf Knien zu leben. Aber ich blieb auf den Knien. Und ich wusste, ich könnte nicht weiterleben, wenn das wirklich geschehen wäre, also war  es niemals geschehen.
Niemals.

War es aber doch.

S. 434
Inhalt:
Sven Lechner hätte alles haben können. Erfolg, Ruhm, Macht und Geld. Er war 14, intelligent, kreativ und voller Energie, doch ein Unfall änderte alles. Er sollte auf seine jüngere und von ihm heiß geliebte Schwester Lina aufpassen, aber bei einem Unfall bricht sie sich die Beine.
Jetzt ist Sven 19 und kann sich seine Unachtsamkeit nicht verzeihen. Obwohl ihm niemand die Schuld gibt, kann er diesen Moment einfach nicht verarbeiten. Er hat mit einem Schlag begriffen, wie das Leben wirklich tickt und was die Mühe wert ist und was nicht.
Seine Schlussfolgerung ist sehr ernüchternd, denn mehr als pennen, essen, feiern, saufen, schlagen und Sex sind da nicht mehr drin. Zu allem Überfluss muss Sven sein Naturell vor dem Rest der Öffentlichkeit geheim halten, denn sein Vater ist ein berühmter, pädagogischer Schriftsteller, ehemaliger Schulinternatsdirektor und sehr erfolgreich. Im Prinzip ist Sven das mit seiner Egal und Null-Bockhaltung gleichgültig, dennoch möchte er irgendwie immer noch, dass sein Vater stolz auf ihn sein kann und dann blitzt etwas von dem alten Sven in ihm auf, den er vor fünf Jahren tief vergrub. Sven weiß, dass Leben ist wie ein riesiges Becken voller Haie und als seine Schwester während einem Jahr Auslandsaufenthalt in Australien in Gefahr gerät, ist Sven der Einzige, der sie retten kann. Doch dafür muss er seine Prioritäten, Wertvorstellungen, ja einfach sein ganzes Leben umkrempeln und den alten Sven hervorholen und den Alkohol, etc. hinter sich lassen, denn man verlangt unmögliches von ihm.

Meine Meinung:

„Nicht weit vom Stamm“ ist offen, ehrlich, realitätstreu, knackig und ein Jugendbuch von jener Sorte, die einerseits unterhalten und andererseits weiterbilden. Ein fesselnder Roman, mit einem ironischen, sarkastischen und witzigen Tonfall und einer lebensechten Hauptfigur, die den Handlungsrahmen komplett ausfüllt, wenn nicht sogar zum Platzen bringt.
Das wirklich, wirklich irre ist, dass Oliver Uschmann es geschafft hat, mir etwas zu servieren, was ich noch nie, nicht einmal so ähnlich gelesen habe. Die fiktive Person Sven Lechner ist dermaßen authentisch und genau das Gegenteil von dem, was ich bin, dass ich unglaubliche Erfahrungen und Schlüsse aus diesem Werk ziehen konnte. Ich habe nie verstanden, warum manche Jugendliche Schläger sind oder ihre Aggressivität bewusst ausleben, ständig auf der Suche nach Streit. Jetzt kann ich es zumindest ansatzweise nachvollziehen.
Oliver Uschmann muss ein Autor sein, der die Welt ganz anders als ich wahrnimmt oder in seinem Denken extrem von meinem abweicht. Es war wie der Ausflug in den Kopf einer anderen Spezies. Ein genialer Trip, den ich jederzeit wiederholen könnte. Diese Weltanschauung hat mich ununterbrochen beeindruckt und wirkte einen permanenten Sog auf mich aus. Ich bin unglaublich dankbar in den Einblick dieser Perspektive und kann kaum davon berichten, wie es war diesen brillanten Roman zu entdecken.
„Nicht weit vom Stamm“ besitzt einige erstaunliche Qualitäten. So findet sich eine thematische Vielfalt und somit Abwechslung, die für Spannung sorgte.
Dieses Buch hat mir anstandslos gut gefallen. Am Ende fügten sich vielleicht einige Komplikationen zu harmonisch, doch das sind vielleicht 0,01 Prozent.
Des Weiteren hegte ich die gesamte Zeit über einen Verdacht, wer Sven mit dem Leben seiner Schwester erpressen könnte. Zwischendurch verwarf ich das, weil es mir zu extrem erschien. Ich war total geschockt, als ich mit meiner Vermutung recht behalten sollte.
Als seine Schwester damals diesen Unfall hatte, hätte ich beinahe annehmen können, Sven hätte ihn gehabt, denn nicht Lina ist daran zerbrochen, sondern er.
Oliver Uschmann legt mit „Nicht weit vom Stamm“ einen furiosen Roman über das Erwachsenwerden vor, wie leicht es ist, sich von den falschen Einflüssen leiten zu lassen und dass einem im Leben zwar nichts geschenkt wird, Fleiß und harte Arbeit, sowie visionäre Ideen sich aber auszahlen können.

Mein Fazit:
Dieser Autor hat bestimmt einen Röntgenblick, mit dem er den Menschen in den Kopf guckt, denn so viele Wahrheiten und Offenbarungen kann ein einzelner Mensch ohne Hilfe doch gar nicht weitergeben, oder? – Doch scheinbar schon, denn so talentiert wie Oliver Uschmann sein ganzes Konstrukt aufbaute, freue ich mich noch immer, dieses Highlight genossen zu haben.
Aus diesem Grund empfehle ich „Nicht weit vom Stamm“ mit der vollen Punktzahl von 5 Sternen weiter und behaupte, dass man mit diesem Werk fliegen kann.
Eine letzte Frage habe ich noch, die mir nach dem Lesen besonders im Kopf geblieben ist:
Nutzen und beherrschen wir die Medien oder sind wir für die Medien lediglich ein Mittel zum Zweck? Überhaupt, was/wer beeinflusst heute eigentlich wen in welche Richtungen und wie stark?

Bewertung

Trailer:

Allgemeine Buchinformationen:
Oliver Uschmann
» Nicht weit vom Stamm «
1. Auflage 2011
528 Seiten, 14.0 x 21.5 cm
ISBN 978-3-8390-0120-2
Klappenbroschur
14,95 € (D)
15,40 € (A)
Zum Buch: Klick!

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