Allgemeines, Bücher

Davon, wie ich nun endlich versuche Abschied zu nehmen

Ein Artikel davon, wie sehr mich die lebendigen Figuren und Geschichten einer Autorin über Jahre hinweg begleiteten und berührten. Für eine Autorin, die es nur einmal gegeben hat, die ich niemals vergessen werde und die mir mit die schönsten Lesemomente meines Lebens bescherte!

Vor einigen Jahren sah ich gemeinsam mit meiner Mutter in einer kleineren Buchhandlung das Buch „Ein reiner Schrei“. Von einer Autorin, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Logisch, es war auch ihr Debüt, mit stolzen 46 Jahren!

Ein reiner Schrei - Siobhan Dowd

Ein Buch von vielen?

Es war zunächst ein Buch von vielen, als meine Mutter es mir schenkte, doch als ich es las, war ich tief beeindruckt.

Einige Zeit später, (es waren glaube ich Jahre) zeigte mir meine Mutter stolz ein Buch, das sie sich neu gekauft hatte. „Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort“. Ich staunte nicht schlecht, als ich dieselbe Autorin sah und als ich meiner Mutter von „Ein reiner Schrei“ erzählte, erinnerte sie sich.

Manche Bücher, die muss man besitzen!

Ich lieh mir ihr Buch und fand es erneut so prägend und beeindruckend, wie ein Zauberwerk, dass ich sie anbettelte, mir ihr Exemplar zu überlassen. Es ist zwar total bescheuert und eigentlich überflüssig, doch irgendwann erbarmte sie sich und schenkte mir das Buch doch, was sie extra ein zweites Mal kaufte. (Ich war noch jung und bekam nicht so viel Taschengeld). Ziemlich dumm, ein und dasselbe Buch in einem Haushalt zwei Mal zu besitzen, aber manche Bücher, die kann man nicht nur lesen oder einmal ansehen und dann vergessen, die muss

Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort - Siobhan Dowd

man besitzen, damit sie im eigenen Regal weiterleben können und immer an der eigenen Seite bleiben. Ich bekam also dieses Buch und las mir nun die genauen Informationen innen auf dem Schutzumschlag durch. Nein, ich überflog sie mehr und heute schäme ich mich beinahe, dass ich sie nicht direkt beim ersten Lesen und sofort oder sorgfältiger las. Ich wiederholte die Informationen zur Autorin, wieder und wieder und wieder und wieder, langsamer, immer langsamer und hätte das Buch beinahe aus den Händen fallen gelassen.

So erfuhr ich von ihrem Tod.

Und das war so endgültig. Keine Vorankündigung, kein behutsames darauf vorbereiten. Keine Ahnung, wie bei Amy Winehouse, deren Tod zwar überraschend, aber irgendwie vorhersehbarer war. Siobhan Dowd war verstorben und zwar an Krebs!
Es war wie ein Schlag ins Gesicht, dabei kannte ich diese Frau nicht einmal richtig. Doch „Ein reiner Schrei“ gehörte mit zu meinen ersten Lesejahren und hat mich so viele Jahre begleitet und immer, wenn ich es im Regal sah und das war beinahe täglich, habe ich an diese Autorin gedacht, mich in die Geschichte hineinversetzt und mir war es, als wäre da überall Liebe. Denn ich kannte und kenne Siobhan Dowd immer noch nicht und werde es auch nie tun. Nicht persönlich, doch durch ihre Geschichten habe ich zumindest ihre Gedanken kennengelernt, die sie so voller Liebe teilte und das habe ich immer gefühlt. Wie ein Zauber, eine Magie, die niemals vergeht. Sie war etwas besonderes für mich und dann war sie tot.
Und ich dachte:
Das war es jetzt also?! Du hast eines deiner besten Bücher gelesen, ohne zu wissen, dass du niemals mehr wieder ein solches Glanzstück in die Finger bekommen wirst. Ich wünschte, ich hätte dieses Buch mehr genossen und mir mehr Zeit genommen, damals… Aber noch mehr wünschte ich mir, sie würde noch leben und hätte ihre Krankheit besiegt.

Es gibt noch ein weiteres Buch von ihr: „Der Junge, der sich in Luft auflöste“. Nur wenige Zeit später kaufte ich es mir. Aber ich habe es nicht gelesen und dies bisher auch nicht geplant. Denn für mich ist es so etwas wie mein letzter Anker.

Der Junge, der sich in Luft auflöste - Siobhan Dowd

Eine letzte Überraschung, die ich mir für alle Fälle offenhalten möchte. Es ist nicht so, dass ich nicht wollte, aber ich kann einfach nicht. Es wäre so, als ob ich mitten auf dem weiten Ozean, ganz alleine in meinem Boot, ein Loch in den Boden schlagen würde, um zu sinken und dann im Meer zu sterben. Das tut doch keiner!

Der Lichtschimmer

Im November/Dezember 2010 sah ich ein Buch mit dem Titel „Auf der anderen Seite des Meeres“, dessen Cover mich sehr ansprach. Autorin: Siobhan Dowd. Ich konnte es nicht fassen. Diese zweite Chance, das Glück, doch noch ein Werk von ihr bewusster lesen zu können, mich in ihrem Esprit zu verlieren.

Auf der anderen Seite des Meeres - Siobhan Dowd

Ja, ich wunderte mich, wie da auf einmal ein weiteres Buch von ihr erscheinen konnte, aber ehrlich, es war mir in diesem Moment egal. Ich würde noch einmal den die wie Sonnenstrahlenden tanzenden Glücksmomente  einer Autorin lesen dürfen, das war alles, was für mich zählte, so egoistisch das auch klingen mag.

Alles vorbei?

Ich habe „Auf der anderen Seite des Meeres“ gelesen und bin im Glück dieser Geschichte vollkommen aufgegangen. Dennoch war es nicht genug. Einige mögen es vielleicht ahnen, worauf ich hinauswill. Bald erscheint ein weiteres Buch „von ihr“. Es trägt den Titel: „Sieben Minuten nach Mitternacht“. Dieser Titel war es, der mich innehalten ließ. Dieser Titel war es, der mich das Buch eingehender studieren ließ und dieser Titel war es, der mich die beiden Autoren entdecken ließ. Patrick Ness und Siobhan Dowd. Das hielt ich zunächst für einen Irrtum und informierte mich nun doch umgehend, um zu erfahren, wie es zu diesem Werk gekommen ist.

Nun kommt die Grausamkeit ins Spiel!

Dieses rührende Buch erzählt aus der Perspektive eines Kindes, wie es mit der schlimmen Krankheit der eigenen Mutter umzugehen versucht und das verarbeitet, was kaum zu verarbeiten ist! Im Buch kommt das Ende schneller, als gedacht und genauso war doch auch das richtige Leben der Autorin, oder?
Sie hatte schon das Exposé, die Figuren und einen Anfang von „Sieben Minuten nach Mitternacht“! „So gut wie fertig“. Aber es ging alles schneller, als man wohl annahm und so fehlte ihr die Zeit, diese Geschichte zu beenden. Zeit…

…weil ich mich der Autorin nie näher fühlte

Ich habe beim Lesen geweint, weil ich die Geschichte als so traurig empfand und dann richtig geschluchzt, weil ich mich der Autorin nie näher fühlte und mir dachte, dass es genauso für sie gewesen sein könnte. Dass sie das im Kopf hatte, was mit ihr passierte und es schmerzte mich so.
Diese ganze Geschichte, diese Situation, das Leben und Sterben Siobhan Dowds.

In mir war ein reiner Schrei.

Doch gleichzeitig fühlte ich mich wie beim Schlafwandeln so unglaublich befreit. „Sieben Minuten nach Mitternacht“ war genau das, was ich zum Loslassen gebraucht habe. Als ob ich nach „Auf der anderen Seite des Meeres“ geahnt hätte, dass es das nicht schon gewesen sein konnte, ist dies nun der richtige Moment für den Abschied.
Ja, das klingt verrückt, verrückt, verrückt, verrückt und sicherlich ist es das auch. Doch ich habe das Lesen dieser Geschichten geliebt und liebe die Geschichten selbst auch noch immer!

Ich habe mir das schöne Pressematerial durchgelesen, das ich freundlicherweise vom Verlag mitzugesandt bekam und war froh darüber, denn das Interview und noch einige andere Extras haben die Sehnsucht in mir ein Stück weit stillen können. Doch noch etwas gruseliges dazu: Es gab eine CD mit dem ganzen Infomaterial und darauf ist ein Foto von Siobhan Dowd, wie man es auch in den Büchern sieht und da trägt sie eine Bernsteinkette… DIE ICH AUCH HABE! Genau dieselbe!! (gleiche?)

Ich bedanke mich für ihre wunderschönen Worte und Geschichten, für die Momente, die sie mir damit schenkte und all die Sachen, die ich nicht benennen kann.

Es ist traurig, wie es für sie endete, doch umso schöner, dass „Sieben Minuten nach Mitternacht“ trotz allem entstand und uns zum Geschenk gereicht wurde. Deswegen auch Danke an Patrick Ness, der den Mut besaß, sich an so eine schwierige Aufgabe zu wagen.
Nicht zu vergessen den Illustrator Jim Kay, der diesem Roman eine lebendige und fantasievolle Basis zugrunde legte.
Ich male mir auch nicht mehr aus, wie diese Geschichte geworden wäre, wenn….
Denn nun ist sie, wie sie ist und das ist gut so, denn sie ist umwerfend. Mir bleibt nur noch eine letzte Sache zu tun.

Um Sieben Minuten nach Mitternacht

Irgendwann um Sieben Minuten nach Mitternacht, möge das Monster auch zu euch

Sieben Minuten nach Mitternacht - Patrick Ness / Siobhan Dowd

kommen und ich werde genau in diesem Moment meine letzte Rezension zu einem Roman gestaltet nach ihrer Idee veröffentlichen. Eine Rezension, die ganz anders ist, als alle meine anderen, aber das muss so sein, weil dies ein Buch ist, was ich nie wieder erleben und eine Autorin, die ich irgendwie immer vermissen werde.

Das Monster, eines meiner liebsten Bilder!

Und wenn ihr euch über diesen Artikel wundert: Der Auslöser war das Buch! Wie mein eigenes Monster, das ich besiegen musste und jetzt habe ich es getan!
Advertisements

6 thoughts on “Davon, wie ich nun endlich versuche Abschied zu nehmen”

  1. Wow, was für ein Bericht. Bin gerade ein bisschen sprachlos. Habe selten eine Autorin erlebt, die eine Leserin so fesselt wie dich. Ich muss gestehen, dass ich noch keines ihrer Bücher gelesen habe, werde dies jetzt aber nachholen und habe mir gerade Der Junge, der sich in Luft auflöste bestellt. Sollte sie mich auch so bezaubern können, werde ich mir die anderen Bücher auch kaufen. Vielen Dank für diesen Beitrag.
    Liebe Grüße Vanessa

    Gefällt mir

    1. Ich habe jetzt einfach mal deinen Kommentar berichtigt und den anderen gelöscht, okay?
      Welcher Fehler? Uhuuuhuu! 🙂
      Gerade dieses Buch habe ich ja als einziges nicht gelesen, deswegen bin nun ich gespannt, wie es dir gefallen wird. Und ich habe diesen Artikel wirklich gerne geschrieben! Das lag vor allen Dingen daran, dass ich das alles unbedingt mal loswerden und wozu habe ich meinen Blog denn eigentlich!
      Viele, liebe Grüße zurück,
      Charlousie

      Gefällt mir

    1. Da steht es gut… (Also auf der Wunschliste! ;))
      Geplättet? – Ich auch! Warum auch immer, aber irgendwie habe ich mich selbst ein wenig ausgeknockt. Aber im Grunde genommen war es ja sogar die Autorin!
      LG

      Gefällt mir

Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s