Buchrezensionen

Nach dem Amok von Myriam Keil [Rezension]

Jannik hält mich fest im Arm. Seine Hände rutschen unter mein T-Shirt und streicheln meinen Rücken. […] Ich spüre, dass er wieder an dem Punkt ist, wo er daran glauben kann, dass ich nur noch ein kleines bisschen Zeit brauche, bis alles wieder gut ist. Auf meinem Rücken wölbt sich das Fremde zwischen meiner Haut und seinen Händen. Es macht kratzige Geräusche, die ich zu übertönen versuche, indem ich Jannik Worte ins Ohr flüstere, die er lange nicht mehr von mir gehört hat. S. 218

Inhalt:
Maikes Bruder David ist tot. Er ist in ihrer Schule Amok gelaufen und hat Unschuldige mit sich in den Tod gerissen. Seitdem ist nichts mehr, so wie es war. Ihre Familie ist an der unbegreiflichen Tat und der Leere, die er hinterlassen hat, zerbrochen. In der Schule sieht Maike sich mit Anschuldigungen und Anfeindungen konfrontiert. Sie wird zur „Amokschwester“. Gehasst, für das, was ihr Bruder getan hat. Gehasst dafür, dass sie davon gewusst haben soll und nichts unternommen hat. Doch Maike hat noch ihren Rückhalt. Ihr Freund Jannik steht zu ihr. Aber auch dort bildet sich eine unsichtbare Wand aus Eis zwischen ihnen. Maike hat sich durch Davids Amok verändert. Sie ist nicht mehr dieselbe und kann vieles nicht mehr ertragen. Das wiederum kann Jannik nicht verstehen. Maike versucht Davids Motive nachzuvollziehen und beginnt nachzuforschen. Gleichzeitig werden das Gehetze und die Gerüchte um sie immer größer und schlimmer und Maike muss sich schon bald zwischen ihrem Leben in der Gegenwart, der Vergangenheit, ihrem Freund und alles, was ihr wichtig ist, entscheiden und wird vor eine unerträgliche Wahl gestellt, die sie eigentlich nur verlieren kann

Meine Meinung:
Myriam Keil hat mit ihrem ersten Jugendroman sofort in eine Bresche eingeschlagen, die beinahe unterschwellig schon als Tabuthema galt. Denn wer zollt den Familien von Amokläufern schon Beileid oder Anteilnahme, wenn sie doch Mitschuld an der Tat tragen, die sie hätten verhindern können oder hätten sehen müssen? Doch damit macht man es sich zu einfach.
Virtuos hat Myriam Keil eine tragische Geschichte gezeichnet, die beschreibt, was am Ende zurückbleibt und wie die direkten Beteiligten sich mit allen Kräften darum bemühen, ihr zertrümmertes Leben wieder aufzubauen und in eine Realität zurückzufinden, die sich ohne sie weitergedreht hat, so dass sie den alten Anknüpfungspunkt gar nicht mehr finden können.
Alle tragen ihr eigenes Päckchen und so sind sie blind für den Kummer des anderen und die Spirale, die keinen Ausweg zu kennen scheint, dreht sich immer weiter und weiter, bis erneut etwas schreckliches passiert und sie durchbrochen wird.
Niemals hätte ich mit solchen schockierenden Gedanken und einem dermaßen fesselnden Roman gerechnet, als ich ihn zum ersten Mal in meinen Händen hielt.
Einerseits ist das der Thematik zu verdanken, die Frau Keil bravourös, emotional, schmerzhaft und emphatisch umgesetzt hat, dann den Charakteren, die eine ungewöhnliche Verletzlichkeit an den Tag legen und eine undurchdringliche Gefühls- und Gedankenwelt besitzen und zuletzt dem riesigen Schreibtalent der Autorin. Myriam Keil hat Metaphern und sprachlichen Symbole verwendet, die man nur selten das Glück hat zu finden. Wie zum Beispiel:

Die ganze Schule verdauen, einfach so, das müsste man. Magensäure drüberspucken, bis sie in sich zusammensackt und verschwindet. Genau das will ich. Und David wollte das auch. Nein, falsch! Ich will viel mehr als David, denn der hat die Schule, diese verdaubare Riesenfrucht, ganz gelassen und nur ein paar Kerne herausgerissen.

S.183

oder

“Ich liebe dich“, sagt Jannik.

Das hat er lange nicht mehr gesagt. Auf diesen Satz habe ich gewartet, auf ihn habe ich gehofft. Doch nun, wo er ausgesprochen wurde, kommt er nicht bei mir an. Ich höre, wie Jannik die Worte spricht, aber er sagt sie nicht zu mir, er sagt sie zu einer anderen Maike. […] Es gibt zu viele Varianten von mir, nur die echte, die kann einfach kein Mensch lieben.

S. 218

Diese wirft sie nicht einzeln und zusammenhangslos in den Raum. Einige greift sie wieder auf, so dass etwas rundes und vollkommenes entstehen kann.
Beim Lesen hatte ich durchweg das Gefühl, dass die Geschichte, die die Autorin und die Protagonistin Maike zu erzählen haben, eine leise ist. Beinahe flüsternd, als könne sie irgendetwas zerstören, wenn alle sie mitbekämen.
Man sollte sich immer klar machen, dass ein Amok schrecklich für die Opfer und unschuldigen Beteiligten ist, aber auch für die Angehörigen und Freunde desjenigen, der die Tat verübte. Denn die Hintergründe müssen nicht immer unnötige, die Aggressivität schürende Ballerspiele sein; Mobbing, ein gestörtes Familienverhältnis, Ausgrenzung oder noch andere Sachen, die für uns nicht einmal zwingend für besonders schlimm wahrgenommen werden müssen. Doch wir können solche Situationen immer mit Abstand betrachten und stecken nicht direkt in der Lage, die dann ausweglos erscheinen könnte.
„Nach dem Amok“ wirft viele Fragen in den Raum, die mir am Ende alle beantwortet wurden. Ein bewegender Roman, der mich zutiefst berührt hat und mit tiefen, scharfen Krallen das an die Oberfläche gezerrt hat, was die meisten nicht wissen wollten. Jene Krallen drangen auch tief in mein Inneres vor und haben es geschafft, mich aufzuwecken und mir meine eigenen Schwachstellen aufzuzeigen.

Mein Fazit:
„Nach dem Amok“ ist ein Jugendroman, der sich für alle Altersklassen eignet, denn ein Amok kann im Prinzip jedem passieren, ohne Rücksicht auf das Alter. Myriam Keil hat aus einigen Gedanken und Figuren etwas großes, packendes und wichtiges geschaffen, mit dem sich viele Menschen beschäftigen sollten. Ich habe mich vorher nicht mit Amokläufen beschäftigt und doch hat „Nach dem Amok“ mich soweit aufgeklärt, da er beide Seiten beleuchtet und man innerlich dieselbe Zerrissenheit beim Lesen spürt, die auch Maike spürte.
Ein Roman, der realistisch ist und noch lange etwas von sich in meinen Gedanken zurückgelassen hat.

Allgemeine Buchinformationen:
Myriam Keil
Nach dem Amok
Originalausgabe
Ab 12 Jahren
Taschenbuch, Broschur,
288 Seiten, 12,5 x 18,3 cm
ISBN: 978-3-570-30742-7
€ 7,99 [D] | € 8,30 [A] | CHF 13,90

Direkt zum Buch auf das Emblem klicken!

Herzlichen Dank an die Autorin Myriam Keil für die auf Lovelybooks veranstaltete und von ihr begleitete Leserunde zu „Nach dem Amok“.

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17 thoughts on “Nach dem Amok von Myriam Keil [Rezension]”

    1. Dankesehr! 🙂 Ich bin immer noch überglücklich, dass du deiner Freude über das Buch so Ausdruck verliehen hast, denn letztlich verleitet mich nur das dazu, es dann doch UNBEDINGT lesen zu wollen! Klasse ist eigentlich schon wieder ein Wort, was diesem Buch nicht gerecht werden kann! 😛
      GLG,

      Charlousie

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  1. Das ging aber schnell mit lesen. 😉 Klingt eigentlich ganz gut (besonders die Thematik; sehr schwieriges Thema), aber den Schreibstil mag ich ja gar nicht… Das ist so Satz-an-Satz-ohne-Übergang. 🙂

    Und irgendwie klingt der 1. Satz aus dem 1. Zitat total unsinnig: „Die ganze Schule verdauen, einfach so, das müsste man.“
    Was soll denn „die ganze Schule verdauen“ heißen? Ist doch grammatikalisch falsch, oder vertue ich mich da grad?? *verwirr*

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    1. Huhu! Nee, ich habe das Buch bereits am Wochenende gelesen, genauso wie „Das Leuchten“ und anderes! 😉 Die Rezension wurde nur erst jetzt freigeschaltet, ich mache das richtig oft so!
      Hmm… Vielleicht sind meine Beispiele schlecht. Das Zitat mit dem Verdauen mag ein wenig doof gewählt sein, wenn man den Kontext nicht kennt. Doch ich habe ewig nach einer schönen Textstelle gesucht und die meisten waren immer zu lang und dieses heir passte einfach so gut. Denn es gibt schon Sinn, doch vielleicht nur, wenn man den Rest der Handlung kennt! :/
      Mist, jetzt habe ich dich gerade mit den Zitaten abgeschreckt, damit sollten gerade die doch überzeugen! 😉
      Hätte ich mir das lange suchen doch sparen können? 😛
      Nee, aber wenn du es lesen würdest (!), gefiele es dir eventuell besser.
      VG!

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      1. Ne, ist schon gut. Verstehe. Ist immer blöd, wenn alles es dann doch nur im Kontext zu verstehen ist.
        Also, wenn es mir in die Hände fiele, würde ich es lesen. So weit konntest du mich davon überzeugen! 😉 War also nichts umsonst. =)

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  2. Ich habe jetzt erstmal nur dein Fazit gelesen, aber ich denke, das Buch wandert auf meine Wunschliste.
    Kennst du „Die Hassliste“ von Jennifer Brown? Auch ein ganz tolles Buch über dieses Thema.
    Lieben Gruß

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      1. So, jetzt habe ich das Buch gelesen und muss sagen, dass ich ganz anderer Meinung bin als du. Ich finde es leider absolut nicht so tiefsinnig und emotional.
        Meiner Meinung nach ist „Die Hassliste“ um einige Längen besser.
        Schade 🙂
        Aber da sich das Buch trotzdem schnell liest, bereue ich es nicht zu sehr 😀

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        1. Hi Christine,

          nun gut, ich habe „Die Hassliste“ (noch immer) nicht gelesen und kann dazu leider nicht so viel sagen, aber mich hat „Sieben Minuten nach Mitternacht“ soooooo berührt…! 🙂
          Schönes Wochenende,
          Charlousie

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  3. Heyyy
    bräuchte ganz dringend deine Hilfe und zwar stelle ich das Buch in der Schule vor und brauche dafür eine Textstelle die ich 5Minuten vorlesen soll doch es gibt so viele die ich gerne nehmen möchte! Kannst du mir helfen ?!
    Und hättest du Problemlösungsvorschläge ?
    Wäre nett wenn du mir helfen könntest !

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    1. Aber Lösungsvorschläge habe ich vielleicht, wobei man das so einfach schreiben kann, aber wie das in der Praxis aussieht und ob man das wirklich so umsetzen könnte, ist das andere.
      Am Beispiel Davids. Er hatte viele Sorgen und wurde in der Schule gemobbt. Vielleicht war er eher der zurückgezogenere Typ und die Eltern haben alles „richtig gemacht“, doch vielleicht fehlte ihm das Vertrauen in seine Eltern. Wenn sie ihn mal gefragt hätten oder dafür gesorgt hätten, dass er sich ihnen mitteilt, anstatt anonym über seine Probleme zu bloggen oder zur Waffe zu greifen, hätte das anders aussehen können.
      Also: Eltern sollten sich bemühen, eine intensivere und stabilere Vertrauensbasis zu schaffen.
      Außerdem hätte das Mädchen, dass in David verliebt war und von diesen gemeinen Jungen wusste, eventuell auch zu Davids Eltern gehen sollen oder wieder die Freunde des Mädchens. Natürlich ist es manchmal besser, wenn sich die Erwachsenen da raus halten, aber David hätte dann die Schule wechseln können oder was auch immer, um sie los zu sein.
      Das hört sich jetzt so an, als ob ich auf diese Leute die Schuld schieben würde, so ist es nicht, doch das alles sind so kleine Faktoren, die vielleicht was bewegt hätten.
      Das alles kommt immer auf den individuellen Fall an und vielleicht kannst du bei deiner Vorstellung des Buches die Klasse mit einbeziehen und selbst erst einmal keine Lösungsvorschläge nennen, sondern in die Runde fragen, ob den anderen Maßnahmen einfallen würden, wie man so etwas schreckliches verhindern kann… (Und dann sagst du dementsprechend, so oder so ähnlich hättest du dir das auch gedacht! ;))
      So, das war jetzt etwas länger, kannst du damit etwas anfangen?? 🙂
      Viel Erfolg bei der Vorstellung, wenn du magst, kannst du ja mal rückmelden, wie es so gewesen ist, würde mich freuen!

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  4. Was findet ihr ist die beste stelle im Buch die man bei einer Buchvorstellung innerhalb von 5 Minuten vorlesen kann ?
    Kann mich nicht entscheiden !!!

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    1. Halllo Celina.
      Ich würde dir gerne helfen (abgesehen davon, dass ich es für mich immer am Schönsten fand, genau das herauszusuchen ;)), aber mein Buch habe ich gerade verliehen und kann selbst nicht hineingucken! Aber es gibt so viele, schöne Stellen, da wirst du sicherlich eine finden, denn letztlich musst du ja auch danach entscheiden, was du gut vorlesen kannst und nicht danach, was andere unbedingt gut finden. (Ist ja auch immer Geschmackssache!) Auf jeden Fall noch viel Glück und welche Stelle du auch auswählst, der Roman ist insgesamt doch so gut, dass es sehr wenige Passagen gibt, die sich absolut nicht eignen, wennn DIESE überhaupt vorhanden sind!
      LG,

      Charlousie

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Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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