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Bis unter die Haut von Julia Hoban [Rezension]

Willow kann es kaum glauben. Er hat die entlarvenden Beweisstücke gefunden und kapiert es immer noch nicht. Stellt keine Verbindung zwischen den Wunden an ihrem Arm und den Rasierklingen her, die er gerade aufgehoben hat. Sie ist dermaßen erleichtert, dass sie hysterisch zu kichern anfängt. Guy wirkt einen Moment lang irritiert. Aber dann grinst er und fällt in ihr Lachen mit ein […] „Hey.“ Guy zeigt plötzlich auf die Tüte mit den Rasierklingen. „Ich benutze genau die gleiche Marke.“ Er schaut sie an und hört auf zu lachen, und in dem Moment weiß sie, dass sie hätte wegrennen sollen, dass sie ihn falsch eingeschätzt hat, dass er es doch kapiert hat.“ S. 68 u. 69

Inhalt:
Willow ist das Waisenmädchen, das „Mördermädchen“… Willow ist das Mädchen, das ihre Eltern getötet hat. Willow ist eine, die von Schuldgefühlen und Selbsthass zerfressen und durchlöchert wird. Willow ist diejenige, die sich ritzt und bluten lässt, um ihr Leben noch ertragen zu können. Willow sieht nachts ihren Bruder weinen und weiß, dass sie dafür verantwortlich ist. Willow hört die Mädchen in der Schule über sie reden und Willow lernt schließlich Guy kennen.
Damit wird sie zum Mädchen, dessen Geheimnis nicht mehr ihr alleine gehört. Sie wird von der Mörderin zu Willow. Willow, einem Mädchen, das lernt, dass nicht alles unter die Haut gehen muss, um mehr als Schuld zu spüren und dass man manchmal stürzen muss, um weiterzumachen. Willow ist schließlich diejenige, die sich selbst überwindet und mit Guy an ihrer Seite durch die Hölle wandert, ihr verletzlichstes, Inneres nach außen kehrt, um am Ende des Weges vielleicht einen Ausweg zu finden.

Meine Meinung:
Lange habe ich gezögert dieses Buch zu lesen, als ich es zum ersten Mal im Internet entdeckte. Ich habe mich nie intensiv mit dem Thema Selbstverletzung auseinander gesetzt. Lediglich flüchtige Eindrücke aus dem Fernsehen, dem Radio oder aus einer Zeitung gewonnen.
Ehrlich gesagt ist das Ritzen keine leckere Angelegenheit und auch nichts schönes, womit man sich besonders gerne beschäftigt. (Wann kann so etwas aber auch schon von den unangenehmen oder grausamen Dingen des Lebens behauptet werden?) – Jedenfalls habe ich „Bis unter die Haut“ entdeckt und war von der Aufmachung dieses Buches angetan und noch mehr vom Klappentext. Letztlich konnte ich es nicht lassen und habe es gelesen.
„Bis unter die Haut“ ist kein Buch, um sich ein paar schöne oder lockere Stunden zu machen. Es ist auch nicht zum Herunterlesen geeignet oder um dem Alltag für einige Stunden zu entfliehen. „Bis unter die Haut“ ist ein Buch, was mein Herz berührt hat und mir zeigte, wie schwer es für einige Menschen ist in ihren eigenen Gefühlen und Gedanken gefangen zu sein und sich nur mittels Schmerzen daraus befreien zu können.
Julia Hoban hat mit ihrem Werk kein typisches Jugendbuch gezeichnet. Viele denken, dass die Jugend ein so schwieriges Thema nicht verkraften würde. So wird dann oft eine Figur genommen, die sich ritzt o.ä. und am Ende glücklich und zufrieden ist, weil sich ihre Probleme von selbst geklärt haben und der Prinz auf einem weißen Ross angeritten kam und sie rettete. Doch solche beschönigenden Verdrehungen der Realität belügen nur uns selbst. Denn wenn die Jugend so ein Thema nicht verkraftet, wie verkraften es dann gerade viele Jugendliche sich selbst zu verletzen? Wie können sie in eine solche Spirale der endlosen Verzweiflung geraten, an der sie meistens zerbrechen?
Was ich damit andeuten möchte ist, dass Julia Hoban in „Bis unter die Haut“ nichts beschönigt hat. Sie hat beschrieben, was Willow tut, warum sie es tut, wie sie sich fühlt und wie kaputt eine gesamte Familie nach dem Tod zweier geliebter Menschen sein kann.
Deswegen war es für mich sehr überraschend, wie intensiv ich dieses Buch wahrgenommen habe und wie authentisch es durch die Beziehung zwischen Willow und Guy wird.
Er entdeckt Willows Selbstzerstörung und reagiert nicht so wie ich annahm. Es ist schwer das zu beschreiben, was sich zwischen den Beiden abspielt, doch an einigen Stellen habe ich schlucken müssen, denn sie öffnen sich gegenseitig vollkommen und was sie einander anvertrauen, würde nicht einmal ich irgendeinem Menschen erzählen wollen, so intim und privat erscheint es mir.
„Bis unter die Haut“ geht nicht nur der Protagonistin Willow und Guy unter die Haut, sondern auch den LeserInnen. Es ist nicht so einfach ein Buch mit diesem Hintergrund zu lesen, aber für mich war es sehr wichtig, um endlich einmal zu verstehen, was in solch einem Menschen vorgehen kann.
Außerdem ist es wichtig, um sich selbst vor diesem Kreislauf schützen zu können und zu wissen, wann es an der Zeit ist, sich Hilfe zu holen.

Mein Fazit:

Julia Hobans „Bis unter die Haut“ ist ein sehr ernstes und in meinen Augen gut umgesetztes Buch, was hoffentlich viele trotz dieses schweren Themas lesen werden. Mich hat es sehr bewegt und mitgenommen. Willow ist anders, als alle Figuren, die ich aus Büchern bisher jemals kennen gelernt habe und ich kann sie mit nichts und niemandem vergleichen, denn sie ist einzigartig und wenn man hier doch so vieles lernt, ist es aber vor allen Dingen eines:
Sich selbst nicht aufzugeben und anstatt vor den grausamen Dingen in seinem Leben davon zu laufen, sich ihnen zu stellen, denn irgendwann werden sie einen ja doch einholen!
Dieses Werk ist grandios und bleibt bei mir unvergessen.

Bewertung

Allgemeine Buchinformationen:
Originaltitel: Willow
Originalverlag: Penguin (Dial) US
Aus dem Englischen von Anja Galic
Deutsche Erstausgabe
Ab 12 Jahren
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 352 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-570-16096-1
€ 16,99 [D] | € 17,50 [A] | CHF 26,90* (empf. VK-Preis)
Verlag: cbt

[Kleine Anmerkung von mir:

Das Cover finde ich übrigens sehr gelungen und zuerst habe ich das englische Hörbuch (Titel: Willow) gehört, was sich wirklich lohnt und das ich euch nur sehr ans Herz legen kann! Respekt vor der Vorleserin (ungekürzt bedeutete über 10 Stunden) und Julia Hoban, dass sie dieses wahnsinns Buch überhaupt geschrieben hat!]

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12 Gedanken zu „Bis unter die Haut von Julia Hoban [Rezension]“

  1. Halli Hallo,

    nach eine längeren Wartezeit hab ich nun endlich deinen Blog besucht und freue mich darüber, dass dir dieses Buch so gefallen hat. Vor einiger Zeit hast du meine eher kritischere Rezension bei Amazon kommentiert. Danke an dieser Stelle. Ich bin immer noch wirklich wenig begeistert, auch nach dieser langen Nachwirkzeit.

    Anders als du hatte ich schon ein bisschen Vorwissen. Vielleicht hat mir das vieles genommen, da ich das Potenzial wesentlich umfassender wahrgenommen habe. Schön aber, dass es allgemein überall zum Nachdenken anregt. Immerhin sehr wichtig.

    Liebe Grüße,
    Marie / Angelika

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    1. Hallo liebe Marie / Angelika,
      super toll, dass du dich hier noch einmal zurückmeldest und dich „traust“ 😉 etwas zu „Bis unter die Haut“ zu sagen!!
      So wie du es gut findest, dass es zum Nachdenken anregt und dass es mir gefallen hat, finde ich es schade, dass es dich nicht überzeugen konnte. Gerade auch wegen deines Vorwissens!!
      Aber die Geschmäcker sind nun einmal verschieden und das respektiere ich natürlich auch!
      Irgendwann (oder vll gab es das schon lange? :o) kommt das Buch, das wir beide mögen!

      Ich wünsche einen schönen Abend und ganz liebe Grüße,

      Charlousie

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  2. Die Rezi zu „Bis unter die Haut“ ist wirklich toll.
    Hab das Buch grad heute beendet und mir geht es ein bisschen wie Marie/Angelika…ich hab auch Vorwissen und Vorerfahrung durch Praktika in Kliniken und mir war es leider etwas zu oberflächlich…

    Liebe Grüße
    Nanni

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    1. Huhu Nanni! 🙂
      Das ist schade, doch kann ich es natürlich verstehen. Aber ich finde immer noch, lieber zumindest ein wenig auf diese Gefahr und Krankheit aufmerksam machen, als darüber hinweggehen!

      Grüße,
      Charlousie

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  3. Da hast du vollkommen recht und ich denke auch, dass es eine gute Möglichkeit ist dieses Problem überhaupt in die Köpfe der Leser zu bringen. Viele denken ja, dass Ritzen oder sich erbrechen so Sachen sind, die man einfach abstellen kann. Eine Mode unter Jugendlichen. Dass dahinter ernste Probleme stecken, mitunter psychische Erkrankungen, weiß ja kaum einer.

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    1. Jetzt hast du es genauso gesagt, wie ich es gedacht habe, aber nicht auszudrücken wusste! 🙂
      Ja, ich finde es schlimm, wenn Menschen sogar wegen solch einer Krankheit geschnitten/verhöhnt/ausgestoßen etc. werden. Das ist einfach falsch!
      So werden sich vielleicht manche Mal damit beschäftigen und merken, dass man nicht „selbst Schuld“ daran trägt.

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Danke für deinen Besuch! Über einen Kommentar würde ich mich freuen! ♥ Leselustige Grüße von Charlousie

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